Prostitution in Wien: Als Kind im Bordell

Else Jerusalems Bordellroman „Der heilige Skarabäus“ erschien 1909 und wurde ein Sensationserfolg. Verhandelt werden die skandalösen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Prostituierten in Wien. Nun liegt das Buch in voller Länge wieder vor.

Das Bordell war immer schon ein potenzieller Ort für Männerkarrieren förderndes Networking. Um 1900 mutiert das Rotlichtmilieu zum festen Bestandteil des modernen Großstadtromans. Damit erhielt die Zutrittsschranke für Frauen auch literarisch eine exkludierende Wirkung. Der kollektive Bordellbesuch nach der Redaktionsarbeit wie in Kästners „Fabian“ oder nach einer politischen Sitzung wie in Falladas „Bauern, Bonzen und Bomben“ war weder für Autorinnen noch für weibliche Hauptfiguren eine Option.

Wollten Autorinnen hier zugreifen, mussten sie das Mittel der teilnehmenden Beobachtung wählen – wie Else Jerusalem in ihrem Bordellroman „Der heilige Skarabäus“. Er erschien 1909, wurde ein Sensationserfolg und erreichte bis 1925 eine Auflage von 40.000 Stück. Viele Realien, von den skandalösen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Prostituierten bis zum „kooperativen“ Verhalten der Behörden, waren 1906im Prozess rund um den Wiener „Salon“ der Regine Riehl öffentlich geworden und flossen direkt in den Roman ein. Während Karl Kraus die Bordellbesitzerin gegen die bürgerliche Scheinmoral verteidigte, vor allem aber im Bordellwesen prinzipiell eine nützliche Einrichtung sah, ging es Else Jerusalem um das Schicksal der Frauen, die – damals wie heute – oft aus Notsituationen heraus und mit falschen Versprechungen in geschlossenen Häusern landeten.

Eine leichte Lektüre ist Else Jerusalems Mammutroman keineswegs. 540 – in der Erstausgabe 680 – eng bedruckte Seiten lang geht es um die Geschichte eines Wiener Bordells im Wandel der Zeiten, in dem sich die Lichtgestalt Milada gleichsam nativ bewegt. Ihr Name erinnert vielleicht nicht zufällig an Marie von Ebner-Eschenbachs sozialkritischen Roman „Das Gemeindekind“. Denn, wie Brigitte Spreitzer in ihrem umfangreichen Nachwort mitteilt, hat Else Jerusalem, geborene Kotányi, bereits 1896 die damalige Grande Dame der Literaturszene kontaktiert. Bei Ebner-Eschenbach wird die kleine Milada als Pfand für das Seelenheil der alten Baronin ins Kloster gesteckt, wo sie an physischer wie psychischer Auszehrung zugrunde geht. Bei Jerusalem ist Milada das Instrument, mit dem die schöne Katerine als moderne Medea Rache nehmen will an jenem Großbauernsohn, der sie sitzen gelassen hat. Die Rechnung kann nicht aufgehen; dass das ledige Kind samt seiner Mutter im Bordell verschwindet, ist für ihn keineswegs die schlechteste Lösung.

So wächst Milada im „Rothaus“ auf und bleibt diesem Milieu als ihrem familiären Kontext verhaftet. Was sie hier erlebt, ist für sie das Normale. Die Schicksale der rasch wechselnden Belegschaft ziehen an ihr vorbei. Sie sieht die jungen Frauen zunächst verzweifelt an einem längst verlorenen Lebenstraum festhalten, allmählich in alkoholschwangere Gleichmut absinken, bis sie ausgelaugt und krank in die Provinz abgeschoben werden oder im Armenspital zugrunde gehen. Milada entwickelt sich inmitten dieses moralischen Sumpfs ganz erstaunlich: Sie ist arbeitsam, mitfühlend und moralisch integer. Als sich im Zuge der Stadterneuerung das verlotterte Rothaus in ein nobles Bordell verwandelt, wird die kleine Milada dank ihrer zupackenden Tüchtigkeit zunächst eine Art Faktotum, später dann Verwalterin des Hauses.

Insgesamt erlebt Milada drei Regimenter von Puffmüttern; die erste fördert nicht nur ihren Aufstieg, sie führt ihr auch als intellektuellen Beistand den alten Horner zu, der nach einer „zeitgemäßen Schweinerei“ des Schuldiensts verwiesen wurde. Er versorgt Milada mit Büchern und scheint sie tatsächlich geistig anzuregen, was schwer nachvollziehbar ist. Seine über viele Seiten ausgebreitete verquaste Privatphilosophie liest sich um einiges holpriger als die in den verschiedenen Dialekten von den Rändern der Monarchie erzählten Lebenstragödien der Prostituierten.

Diese Erzählungen aber zeigen, wie – dank enger Kooperation zwischen Polizei, Armenspitälern und dem bestens organisierten Mädchenhandel zwischen den diversen Etablissements – aus der ausweglosen Situation lediger junger Mütter ein nie versiegender Pool an käuflichen Frauen entsteht, denen mit dem Eintritt in das Rothaus alle Möglichkeiten genommen werden, ihre Leben je wieder selbst in die Hand zu bekommen. Milada hat als Verwalterin dafür zu sorgen, dass die Geschäfte florieren, und will zugleich menschlich agieren – ein unauflöslicher Widerspruch. Trösten kann hier nur heißen, die Verzweifelten wieder präsentabel und einsatzbereit zu machen. So bringen fast alle von Miladas gut gemeinten Interventionen mehr Schaden als Nutzen.

Was kaum in den Blick kommt, sind die Kunden. Obwohl viele Szenen im „Salon“ spielen, bleiben sie eine amorphe Masse. Mit Ausnahme des verbummelten, ich-schwachen Medizinstudenten Gust, mit demMilada eine abstruse Romanze erlebt, die nicht gut enden kann. Die Verlogenheit der bürgerlichen Moral versucht Jerusalem vor allem mit Miladas zweiter Chefin zu fassen, eine Pfarrersköchin aus der Provinz, die mit den Gewinsten aus dem Bordellbetrieb ihrenEintritt ins Kloster finanzieren will. Das gelingt ihr auch, als Figur bleibt sie freilich wenig glaubwürdig.

Der große Erfolg des Romans war thematisch bedingt, literarisch hätte ihm ein radikales Lektorat auch mit größeren Strichen damals sicher gut getan. Dass das Buch nach einer gekürzten Ausgabe im Jahr 1954 nun in voller Länge wieder vorliegt, ist trotzdem ein Verdienst. Ebenso wie das im Nachwort gezeichnete Lebensbild der Autorin mit seitenlangen Zitaten aus privaten Briefen und aus den wenigen Artikeln, die Else Jerusalem bis zu ihrem Tod 1943 in Buenos Aires noch publiziert hat. Dorthin war sie 1910 mit ihrem zweiten Mann ausgewandert und – weder persönlich noch beruflich – glücklich geworden. Berührend ist das kurze Vorwort ihrer Enkelin Ines Weyland, die sich für ihre im Familienkreis totgeschwiegenen Großmutter Else Jerusalem erst aufgrund der Nachfragen von Germanistinnen zu interessieren begann. ■

Else Jerusalem

Der heilige Skarabäus

Hrsg. und mit einem einem Nachwort von Brigitte Spreitzer. 620 S., geb., € 24,90 (Verlag Das vergessene Buch, Wien)