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„Baby Driver“: Auf der Flucht, mit Pop und Rap im Ohr

Just beim letzten Job lernt er die große Liebe kennen: Ansel Engort als Baby, Lily James als strahlende Kellnerin Debora.
Just beim letzten Job lernt er die große Liebe kennen: Ansel Engort als Baby, Lily James als strahlende Kellnerin Debora.(c) Sony

KritikMit „Baby Driver“ hat der britische Regisseur Edgar Wright ein Herzensprojekt verwirklicht – ein iPod-Shuffle-Musical über einen milchgesichtigen Fluchtwagenfahrer. Einer der unterhaltsamsten Filme des Sommers: ab Freitag im Kino.

Wenn Baby seinen iPod anschmeißt und aufs Gas drückt, fressen die Verfolger Staub. Denn Baby (ja, das ist sein richtiger Name) ist der beste Fluchtfahrer weit und breit. Ein „Mozart in a GoKart“, der stets mit Eleganz die Kurve kratzt, Polizeistreifen im Schlaf abschüttelt und jeden Bankräuber mit links in Sicherheit bringt – garantiert. Doch ohne die richtige Playlist geht bei ihm nichts. Musik ist sein Motor, sein Treibstoff, sein Zündschlüssel. Seine weißen Kopfhörer gibt er so gut wie nie aus den Ohren. Denn, wenn der Song stimmt, kann ihm keiner was anhaben. Und Baby sorgt dafür, dass der Song immer stimmt.

Edgar Wright, der Regisseur von „Baby Driver“, hätte bei Bedarf bestimmt ein toller DJ werden können. Zum Glück hat er sich fürs Kino entschieden – denn zurzeit gibt es nur wenige Leinwandentertainer, die so leidenschaftlich bei der Sache sind wie er. Davon zeugt auch sein jüngstes Werk: ein tiefergelegter Genremix im Klangrausch, eine adrenalingeladene Achterbahnfahrt voller – man glaubt es kaum – Spaß und Spannung, ein Action-Flitzer, der die schwerfälligen Blockbuster-Karossen der Gegenwart mühelos ausbremst. Und die alte Floskel bestätigt: Wenn etwas leichtgängig aussieht, steckt ganz viel Feinarbeit und Herzblut dahinter.

 

Drei Berufskriminelle an der Seite

Dabei ist die Handlung schnörkellos, eine Schablone aus dem B-Movie-Handbuch. Seit er versucht hat, dem Nobel-Gangster Doc (souverän: Kevin Spacey) ein Auto zu klauen, steht Baby (Ansel Engort) in seiner Schuld und muss bei waghalsigen Coups Chauffeur spielen. Ein Ding wird noch gedreht, an der Seite dreier Berufskrimineller: Der reizbare Bats (Jamie Foxx), der herzhafte Buddy (Jon Hamm) und dessen aufgekratzte Freundin Darling (Eiza González) scharren schon in den Startlöchern. Danach darf Baby endlich gehen. Und wie es das Schicksal so will, lernt er kurz vor dem letzten Job seine große Liebe kennen: Die strahlende Kellnerin Debora (Lily James) lässt das Herz des jungen Mannes höherschlagen, im Takt von T. Rex („Debora“) und Beck („Debra“). Aber natürlich kommt nichts, wie es kommen sollte – und Baby muss Gummi geben, um sein Glück zu retten.

So abgeschmackt dieser Plot auch klingt: Seine Umsetzung überfährt einen regelrecht mit Energie. Schon die Eröffnungssequenz, in der Baby hinter dem Steuer eines roten Subarus zu den rotzigen Riffs der Jon Spencer Blues Explosion abrockt und mit wendigen Manövern eine ganze Polizeikolonne abhängt, entwickelt eine mitreißende Wucht, die man seit George Millers „Mad Max: Fury Road“ nicht mehr im Kino gesehen hat. Das hat einen guten Grund: Alles in „Baby Driver“ ist eine Frage des Timings. Erzählerisch geht es vor allem um den richtigen Moment: Darum, wann man in ein Auto ein- und wann man wieder aussteigt, wann man die Handbremse anzieht, um den perfekten Drift hinzulegen, wann man den richtigen Satz sagt, um die Angebetete zu überzeugen. Und filmisch geht es ums Einrasten der Bilder ins rhythmische Gerüst, um die makellose Abstimmung von Tonspur und Montage, um Flow, Drive und Beat. Sogar Schießereien haben hier ein Metrum.

Diesem Regie-Perfektionismus haftet auch etwas Neurotisches an – und es zählt zu den größten Stärken des Films, dass er diesen Umstand reflektiert. Baby ist abhängig von seinen Songs. Laufen sie nach Plan, ist sein Leben ein Wunschkonzert und der Alltag eine wundersame Choreografie. Aber wenn sie hängen, hängt er ebenfalls. Nur weil ein Lied zu früh gestartet wurde, besteht er auf dem Neustart eines Banküberfalls. Später kommt ihm sein Player abhanden. Er klaut einen Fluchtwagen – und sucht trotz Zeitdruck panisch nach einer passenden Radiostation. Ursprung dieser Zwänge ist ein Kindheitstrauma: Baby verlor seine Eltern bei einem Autounfall und hat seither unaufhörlich Tinnitus im Ohr.

 

Titelsong von Simon & Garfunkel

Die Dauerbeschallung schützt ihn doppelt: Sie übertüncht den teuflischen Ton und hält eine feindliche Umwelt auf Abstand. Denn obwohl sich Baby, der selten spricht und sein Milchgesicht hinter einer Sonnenbrille versteckt, nichts anmerken lässt, hat er Angst. Und nur die Musik gibt ihm das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben.

In seiner Freizeit bastelt er aus heimlichen Aufnahmen schrullige Hip-Hop-Tracks und sammelt sie auf Kassetten. Auch das erinnert an den Regisseur: Wright ist ein postmoderner Collagekünstler mit Faible für nerdige Anspielungen und altmodische Kinofreuden – wie Quentin Tarantino, nur mit mehr Humor und weniger Gewalt. Und „Baby Driver“ bietet nicht nur ein Jukebox-Musical – eher: iPod-Shuffle-Musical – mit einem eklektischen Soundtrack, von Barry White über Run the Jewels bis zu Simon & Garfunkel (von denen der schwungvolle Titelsong stammt). Er versteht sich auch als poppiger Remix diverser Auto- und Amour-fou-Filme; etwa Walter Hills „Driver“ und David Lynchs „Wild at Heart“. Und weil dieser Remix – mit Verlaub – ordentlich fetzt, verzeiht man ihm seine Schwächen (den Teenagerfantasiecharakter und die dürftige Figurenzeichnung) nur zu gern. Und tanzt mit großer Lust nach seiner Pfeife: Eins, zwei, drei, vier – Stöpsel rein und ab dafür!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2017)