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„The Party“: Eskalation einer linksliberalen Cocktailparty

Amüsieren sich nicht prächtig auf dieser Party: April (Patricia Clarkson) und ihr esoterischer Gatte, Gottfried (Bruno Ganz).
Amüsieren sich nicht prächtig auf dieser Party: April (Patricia Clarkson) und ihr esoterischer Gatte, Gottfried (Bruno Ganz).(c) Adventure Pictures
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KritikDie britische Regisseurin Sally Potter lässt in ihrem – im wahrsten Sinne – kurzweiligen Schwarz-Weiß-Kammerspiel „The Party“ eine Gruppe moralisch Überlegener an ihren eigenen Standards scheitern. Bitterböse und rasant. Jetzt im Kino.

„Was passiert gerade?“, fragt Janet, nachdem sie sich nur mit Mühe davon abhalten konnte, ihrem Ehemann das Gesicht einzuschlagen. „Rache“, lautet die fachmännische Antwort der besten Freundin. „Nein,“, sagt Janet, „ich glaube nicht an Rache. Ich habe Reden über Wahrheit und Versöhnung gehalten. Daran glaube ich.“

In diesem kleinen Dialog liegt viel von der Komik, die Sally Potters Film „The Party“ auszeichnet – und viel vom inneren Konflikt ihrer Figuren. Eine Gruppe linksliberaler, gut situierter Londoner feiert darin Janets (Kristin Scott Thomas') Ernennung zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett der oppositionellen Labour-Partei (wobei deren Name nie genannt wird). Wirklich wohl fühlt sich aber keiner auf diesem Fest. Schon bevor der erste Sektkorken die Fensterscheibe sprengt, ist klar, dass die Stimmung hier explosives Potenzial hat – zumal Janets Karrieresprung nicht die einzige Neuigkeit ist, die vor versammelter Runde besprochen werden will. Ein folgenschweres Geständnis führt zum nächsten, erschütternde Diagnosen, Seitensprünge und andere Geheimnisse werden ausgepackt, bald fliegen Fäuste und schwere verbale Geschütze, die komplette Eskalation naht spürbar. Und mittendrin sind lauter liebevoll überzeichnete Figuren, die zwar in der Theorie Experten sind für verantwortungsbewusstes, moralisch richtiges Verhalten, aber in einer Kette von Extremsituationen daran scheitern, ihren eigenen Standards gerecht zu werden.

 

Esoteriker und Postpostfeministin

Da ist der entgeistert in die Luft starrende Intellektuelle Bill (Timothy Spall), der seine akademische Karriere hintangestellt hat, um die politischen Ambitionen seiner Frau zu unterstützen, und nun einem Häuflein Elend gleicht. Da ist die elegante Giftspritze April (Patricia Clarkson), die ihren Mann mit schwankender Intensität verachtet – Bruno Ganz gibt den dümmlich dreinschauenden Esoteriker Gottfried, der ständig Aphorismen und unpassende Bemerkungen von sich gibt. Da gibt es die Postpostfeministin Martha (Cherry Jones), die zwar mit Überzeugung sagen kann: „Männer sind nicht mehr der Feind“, aber dennoch die Angst nicht ganz beiseiteschieben kann, dass die in vitro gezeugten Drillinge ihrer schwangeren Frau (Emily Mortimer) das Geschlechterverhältnis in der Familie zum Kippen bringen könnten. Und da ist der nervös schwitzende Kapitalist Tom (Cillian Murphy) im viel zu teuren Anzug, der ideologische Außenseiter der Party, der gleich bei seinem Eintreffen ins Badezimmer stürzt, um dort ziemlich umständlich zwei Lines zu ziehen, und der im Lauf des Films wiederholt eine Waffe in der Mülltonne verstecken – und sie wieder herausfischen – wird . . .

Es ist ein irrwitziges Kammerspiel, in dem die britische Regisseurin Sally Potter („Orlando“) die hinter einer dünnen Fassade der Kultiviertheit lodernden Befindlichkeiten der Figuren, ihre brüchigen politischen Überzeugungen, ihren Egoismus und ihre inneren Kämpfe freilegt – nicht ohne auch Sympathie für die Figuren zuzulassen (Potter kommt selbst aus der feministischen Avantgarde). Das Chaos entfaltet sich in Echtzeit, das ist kurzweilig und auch buchstäblich kurz: Vom Eintreten der Gäste bis zur überraschenden Wendung in letzter Sekunde vergeht gerade einmal knapp mehr als eine Stunde (70 Minuten sind es inklusive Abspann). Die Handlung spielt sich in wenigen Räumen eines gepflegten Hauses und in dessen kleinem Hinterhof ab.

 

Schwarz-weiße Künstlichkeit

Die experimentierfreudige Potter inszeniert diszipliniert-flott (auch gedreht wurde in nur zwei Wochen) – und sehr roh: Es gibt keine Effekte, der mehr oder weniger laut knisternde Klang aus dem Plattenspieler im Wohnzimmer ist die einzige Hintergrundmusik. Und das markanteste Merkmal des Films: Er ist zur Gänze in schwarz-weißer Handkameraoptik gehalten. Potter will damit an politisch aufgeladene britische Filmer der Sechzigerjahre erinnern, hier gibt es dem Film eine gewollte Künstlichkeit und lenkt die Aufmerksamkeit auf das nackte Geschehen, die Dialoge und in vielen Nahaufnahmen auf die Gesichter der Schauspieler.

Diese sind übrigens allesamt großartig, sie zelebrieren grazil vordergründige Höflichkeit, wenn ihre Charaktere längst innerlich brodeln, und bieten emotionale Gewaltausbrüche wie auch zynische Dialoge dar. Wunderbar die Szene, in der eine verzweifelte Janet sich im Klo einsperrt und ihr April durch die Tür zu verstehen gibt: „You could consider murder“ (auch wenn sie einräumt, dass es ihrer Karriere schaden könnte). Feierlich geht die Moral zu Bruch. Prost auf diesen scharfen, spritzigen Film – aber schnell, bevor auch die Gläser durch die Luft fliegen. Häppchen dazu gibt's leider keine: Die sind bereits im Ofen verbrannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2017)