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Artenschutz: Wenn der Wolf ein Problemwolf wird

Die Wolfspopulationen in Österreich wachsen – der Widerstand gegen die Tiere auch.
Die Wolfspopulationen in Österreich wachsen – der Widerstand gegen die Tiere auch.(c) APA/Bernd Thissen
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Mit wachsender Wolfspopulation häufen sich Attacken. Tierhalter wollen wolfsfreie Zonen, Tierschützer mehr Akzeptanz. Fakten zu einem Tier, das hier schon fast ausgestorben war.

Wien. Mehr als 100 Jahre lang war der Wolf aus Österreich verschwunden, seit dem vergangenen Jahr gibt es wieder eine Wolfsfamilie in Allentsteig (Niederösterreich) – und auch sonst werden vermehrt einzelne Tiere gesichtet. Damit einhergehend häufen sich aber auch die Wolfsattacken. Wie man diese in den Griff bekommen kann, darüber streiten nun Tierschützer und -halter.

1 Wie groß ist die Wolfspopulation in Österreich eigentlich?

Im August 2016 wurde am Truppenübungsplatz in Allentsteig (Niederösterreich) erstmals seit 134 Jahren wieder eine Wolfsfamilie in Österreich gesichtet – zu den zwei erwachsenen Tieren und drei Jungwölfen sind vor wenigen Wochen noch sechs Welpen dazugekommen. Aber auch die Zahl durchziehender Einzeltiere nahm in den vergangenen Jahren zu – Österreich ist von Ländern mit wachsender Wolfspopulation umgeben. Allein in Deutschland gibt es schon mehr als 50 Wolfsrudel, in Italien geht man von rund 2000 Tieren aus – die Vermehrungsrate liegt bei 30 Prozent pro Jahr. Die Tiere sind übrigens nicht immer reine Wölfe, sondern in vielen Fällen Hybride, also Nachkommen von Hunden und Wölfen. Die Tierschützer freut die wachsende Wolfspopulation, Tierhalter teils weniger, weil Wölfe auch immer häufiger in Wohngebiete vordringen. Österreich ist stark besiedelt, für Wölfe ist es schwierig, ein Revier zu finden, das groß genug ist, damit sich Mensch und Tier nicht in die Quere kommen.

2 Ist der Wolf dann auch für Menschen gefährlich?

Prinzipiell nein, solange er seine natürliche Scheu nicht verliert. Allerdings gibt es Fälle, in denen sich Wölfe aus dicht besiedelten Gebieten nicht mehr vertreiben ließen, weil sie angefüttert wurden. Europaweit sind nur sehr wenige Fälle dokumentiert, in denen Wölfe Menschen angriffen haben. Im spanischen Galicien wurde 1957 ein fünfjähriger Junge tagsüber auf der Straße von einem Wolf getötet. Ein Jahr später griff ein Wolf in einem Nachbardorf Kinder an. Im Jahr 1974 schleppte ein Wolf in derselben Gegend einen Säugling weg. In Österreich sind derartige Fälle nicht dokumentiert.

3 Welche Probleme gibt es momentan mit Wölfen?

In Allentsteig ist die Konsequenz durch die Rückkehr der Wölfe spürbar: Nach zwei Jahren hat sich der Bestand der dort bis dato heimischen Mufflons auf wenige Tiere reduziert. In Niederösterreich hat ein Wolf in Bad Traunstein dieses Jahr Schafe getötet, zuletzt gab es auch in Tirol Vorkommnisse mit gerissenen Nutztieren. Bei den Almbauern geht nun die Angst um, dass sich diese Vorfälle häufen könnten – denn auch in grenznahen Gebieten wie Bayern oder Südtirol kam es in den vergangenen Monaten vermehrt zu Attacken. In Südtirol habe man damit begonnen, „die Tiere frühzeitig von den Almen zu holen“, sagte Südtirols Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler vor wenigen Tagen in einer Aussendung. Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) hatte angekündigt, mit einer Offensive in Brüssel urgieren zu wollen, dass der Schutz von Wolf und Bär auf Murmeltierniveau gesenkt werden soll.

Die Tierschutzorganisation WWF hält die Forderung nach wolfsfreien Zonen für „fachlichen Nonsens“. Abschüsse würden Nutztiere nicht schützen. „Ganz im Gegenteil – getötete Wölfe führen oft sogar zu einem Ansteigen an Nutztierrissen“, sagt WWF-Wolfsexperte Christian Pichler. Das hätten Untersuchungen aus den USA und Europa gezeigt. Zudem gab der Umweltschützer zu bedenken, dass „wolfsfreie Zonen“ nicht lang wolfsfrei bleiben würden. Immerhin könnten die Tiere bis zu 1000 Kilometer weit wandern. Die einzig wirksame Methode zum Schutz von Schafen sei der Herdenschutz.

4 Wie gehen Nachbarländer mitden Wolfsrudeln um?

Die Grabenkämpfe zwischen Tierschützern und -haltern gestalten sich in den meisten europäischen Ländern ähnlich. In Deutschland haben sich nun Naturschützer, Tierfreunde und Schäfer erstmals auf eine gemeinsame Strategie im Umgang mit den Tieren geeinigt. Man will in Schutzzäune investieren und schnellen Schadensausgleich bei Wolfsattacken auf Nutztiere sicherstellen. Die Einigung umfasst aber auch den Abschuss von Problemwölfen durch Naturschutzbehörden als letztes Mittel.

AUF EINEN BLICK

Die Wölfe galten in Österreich als ausgestorben – im Sommer 2016 wurde nach mehr als 100 Jahren in Allentsteig (Niederösterreich) wieder ein Rudel dokumentiert. Dazu gibt es vermehrt Einzeltiersichtungen. Mit der Population wachsen die Probleme – es wurden mehrfach Attacken auf Nutztiere registriert. Tierhalter wollen nun wolfsfreie Zonen, Tierschützer lehnen dies ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2017)