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"Ein wirklich glücklicher Mensch hat Besseres zu tun"

Glücksforscher und Coach Roman Braun warnt: Wer allzu verbissen nach dem Glück sucht, läuft Gefahr, dabei auszubrennen.

Glücksforschung und Glücksrezepte haben Hochkonjunktur. Warum wollen plötzlich alle glücklich sein?

Roman Braun: Das ist ein Phänomen des Zeitgeistes. Vorher haben wir Geld oder Erfolg gesucht, wieder davor gab es etwas Einfacheres, was aber die Menschen glücklicher gemacht hat. Paradox ist ja: Wir haben heute die höchste Depressionsrate, die es jemals gegeben hat. Wir suchen mehr denn je das Glück und sind gleichzeitig deprimierter denn je. Schon Viktor Frankl hat gesagt: „Wer dem Glück nachjagt, der verjagt es.“

Die Motive für unser Handeln sollten doch andere sein als die Suche nach Glück. Eleanor Roosevelt hat Glück als „Nebenprodukt“ bezeichnet.

Da gibt es einen Zusammenhang zu dem Erfolgsstreben in den 1980er- und 1990er-Jahren. Da hat man sich stark an Materiellem orientiert. Die, die dabei an die Spitze gekommen sind, haben erkannt, dass Glück dort nicht zu finden ist. Jetzt gibt es eine Gegenbewegung. Das funktioniert aber auch nicht so ganz – schon deshalb nicht, weil ein Mensch nie von sich sagen kann: „Ich bin glücklich.“ Ein wirklich glücklicher Mensch hat Besseres zu tun.

Erzeugt die ständige Suche nach Glück nicht auch Stress?

Das kann Stress erzeugen und zum Burn-out führen, weil man permanent frustriert wird. Jedes Mal, wenn ich mich frage: „Bin ich glücklich?“, kann ich das schon nicht mehr sein. Von meinen Klienten haben diejenigen das größte Problem, die am meisten darauf schauen, ob sie glücklich sind. Interessant ist ja auch, dass es der Evolution ganz egal ist, ob wir glücklich sind. Für die Fortpflanzung muss man nicht glücklich sein.

 

Wie wird man denn glücklich?

Der Glücksforscher Tal Ben-Shahar hat unglaublich viele Studien zu dem Thema gesammelt. Er identifiziert drei Elemente: Erstens, tue Gutes und lass dich vom Leben in den Dienst nehmen; zweitens, sei dankbar und konzentriere dich auf die positiven Dinge, die dir passieren. Diese beiden Aspekte kommen aus der christlichen Lehre. Der dritte Punkt hat mit dem Buddhismus zu tun und zeigt uns, dass man voll in einem Moment des Glücks aufgehen kann, wir uns aber nicht zu sehr mit unseren Problemen identifizieren sollen.

Sie schreiben, dass man durch den Zwang, Dinge zu kontrollieren, ebenfalls nicht sehr glücklich wird.

Wir, die wir hier miteinander reden, sind Überlebenskünstler. Andere, die am selben Tag geboren wurden, sind nicht mehr da, vielleicht, weil sie den 20-Tonnen-Laster von rechts übersehen haben. Nachdem wir nicht genau wissen, was notwendig war, um bis hierher zu kommen, tun wir uns schwer damit, loszulassen.


Ist die Suche nach Glück eine aktuelle Form von „Opium für das Volk“? Jobs werden weniger, Geld wird weniger. Mit der Suche nach Glück kann man die Leute doch recht schön beschäftigen.

Persönliche Glückssuche kann einen schon einlullen. Es hat etwas von einem Religionsersatz. Alle Religionen, die funktionieren, haben in Bezug auf Glück oder Glücklichsein etwas geliefert. Da wir mittlerweile hauptsächlich atheistisch-katholisch sind, entdecken wir, dass wir irgendwelche Regeln brauchen, um zufriedener und glücklicher leben zu können.


Aber Glück allein macht doch auch nicht glücklich. Brauchen wir nicht auch Krisen, um uns weiterzuentwickeln?

Es stimmt auch nicht, dass der Mensch nur Lust anstrebt und Schmerz vermeidet. Sonst würden wir nicht herumsitzen und uns mit traurigen Dingen aus unserer Vergangenheit beschäftigen. In Wahrheit ist den Menschen die Unterscheidung zwischen Lust und Schmerz nicht so wichtig. Was zählt, ist der Unterschied zwischen „sinnvoll“ und „sinnlos“. Sinnloser Schmerz ist Leid, das wird vermieden, sinnvoller Schmerz bringt uns weiter. Das ist Hingabe. Ich würde es so zusammenfassen: Glück ist Hingabe und Freude.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2010)

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