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„The Square“: Fremdschämen und Würde im Kunstbetrieb

Affenmenschen-Performance beim Galadiner: „The Square“ spielt mit Peinlichkeiten.
Affenmenschen-Performance beim Galadiner: „The Square“ spielt mit Peinlichkeiten.(c) Filmladen

„The Square“ schickt einen Museumskurator auf Spießrutenlauf durch eskalierende Peinlichkeiten und deckt dabei ein breites Themenspektrum ab. Ein (über-)ambitioniertes Stückwerk zwischen Sozialsatire und Moralität.

Kann Kunst bessere Menschen aus uns machen? Rechtfertigt ein guter Zweck manipulative Mittel? Was bedeutet Zivilcourage? Wann wird Toleranz zu Feigheit? Ist das Bedürfnis nach Sicherheit nur ein Ausdruck von Egoismus? Und die Exzentrik des modernen Kulturbetriebs bloßer Deckmantel für ein neues Biedermeier?

Das ist nur eine kleine Kostprobe des Fragenkatalogs, den der schwedische Regisseur Ruben Östlund in seinem jüngsten Film, „The Square“, aufwirft. In Cannes erhielt er dafür die Goldene Palme. Wenn man bedenkt, dass die Preischancen bei diesem renommierten Festival im Direktverhältnis zur thematischen Relevanz eines Films stehen, verwundert das kaum: Kein anderer Wettbewerbsbeitrag packte so viel Diskursstoff in seine Erzählung.

Glücklicherweise ackert „The Square“, der am Freitag in den heimischen Kinos startet, keine trivialen Talking Points durch wie eine filmgewordene Diskussionsrunde. Stattdessen präsentiert Östlund sein Sittenbild in Form einer ausgefransten, bissigen Dramödie. Und im Mittelpunkt steht ein Typus, der auch im echten Leben mit Meinungsstürmen und Haltungsschäden zu kämpfen hat: der moderne Museumskurator.

 

Ein Quadrat als Mahnmal

Christian (verkörpert vom Dänen Claes Bang, den deutschsprachige Zuschauer vor allem aus Fernsehkrimis kennen dürften) ist das Gesicht eines fiktiven Hauses für zeitgenössische Kunst in Stockholm. Gut betucht und gebildet, stilbewusst und eloquent – wie maßgeschneidert für Auftritte im TV-Kulturjournal. Die neueste Ausstellung seiner Institution heißt „The Square“. Sie soll die Besucher zur sozialen Verantwortung und gegenseitigen Rücksichtnahme anhalten. In einer der ersten Sequenzen des Films sieht man, wie die titelgebende Kerninstallation – ein schlichtes Quadrat als Mahnmal des Gesellschaftsvertrags – in den Museumsplatz gefräst wird. Der Utopie steht nichts im Weg.

Doch bald wird klar, dass Christian den hehren Idealen, die er propagieren will, nicht einmal ansatzweise gerecht wird. Eine Serie von (Selbst-)Bloßstellungen entlarvt seine Eitel- und Scheinheiligkeit, seine Verlust- und Bindungsängste – und seinen Klassismus. Der Versuch, ein gestohlenes Handy per Ortung und Drohbrief zurückzufordern, geht nach hinten los: Ein zu Unrecht beschuldigter Junge aus dem Sozialbau gerät zur aggressiven Manifestation von Christians schlechtem Gewissen als Angehöriger einer privilegierten Oberschicht. Die Affäre mit einer Journalistin (Elisabeth Moss) kulminiert in einem absurden Streit ums benutzte Kondom: Der zerbrechliche Macho bangt um seine Souveränität. Und dann kommt es auch noch zur Image-Katastrophe aufgrund eines plumpen PR-Stunts.

Die Inszenierung dieser Eskapaden wirkt, als hätte Michael Haneke Fremdschämhumor für sich entdeckt. Östlund schickt seinen Protagonisten durch einen Spießrutenlauf eskalierender Peinlichkeiten, die in langen, präzise kadrierten Einstellungen weidlich ausgekostet werden – Christian windet sich wie ein Insekt unterm Brennglas der Kameralinse. Dass er in der Darstellung Claes Bangs nicht zur Karikatur verkommt, sondern stets auf erbärmliche Weise sympathisch bleibt, macht das Ganze nur noch schlimmer. Östlunds dramaturgischer Lieblingskniff ist die Zwickmühle. Schon in einem seiner ersten Kurzfilme stellt eine dumme Mutprobe den Helden vor die Wahl: Lebensgefahr oder Gesichtsverlust? Im Durchbruchswerk „Höhere Gewalt“ bringt die falsche Impulsentscheidung eines Familienvaters ganze Weltbilder zum krachenden Einsturz. Doch Östlunds Talent für pointierte Miniaturen sozialer Ungemach hat auch seine Schattenseiten. In sich funktionieren sie gut – als Elemente eines größeren Spannungsbogens weniger. Bestes Beispiel ist die Pièce de résistance des Handlungsfleckerlteppichs: Gäste eines Galadiners werden in einer ausgedehnten Plansequenz von einer heftigen Affenmenschen-Performance vor den Kopf gestoßen . . .

 

Keine Kritik an Political Correctness!

Ein starkes Stück, das dennoch wirkt wie ein unnötiger Keil im Gesamtgefüge. Aber Östlund wollte halt noch etwas über Gruppenpsychologie erzählen. Und über die Absurditäten des Kunstbetriebs. Und über hundert andere Dinge. Aus diesem Grund wirkt „The Square“ manchmal wie eine beliebige Abfolge markanter YouTube-Clips – trotz motivischen Zusammenhalts. Und weil die meisten Inhalte nur angeschnitten werden, erscheinen seine zweieinhalb Stunden gleichzeitig zu lang – und nicht lang genug.

Östlunds Ambition beeindruckt trotzdem. Viele, etwa Cannes-Jurypräsident Pedro Almodóvar, lasen „The Square“ übrigens als Kritik an Political Correctness – eine Interpretation, die der Regisseur in Interviews von sich weist. Tatsächlich hat er – auch das verbindet ihn mit Michael Haneke – einen moralisch-didaktischen Anspruch, will dem Publikum, wie das fast schon sentimentale Finale des Films demonstriert, Benimmregeln für ein würdevolles Miteinander an die Hand geben. Das steht durchaus im Einklang mit den Absichten des quadratischen Kunstprojekts seiner Hauptfigur. Nur wabert am Schluss immer noch ein Zweifel durch den Raum, den Östlund selbst hineingelassen hat: Kann Kunst wirklich bessere Menschen aus uns machen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2017)