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Stefanie Carp: "Ich wünschte mir ein Haus der Extreme"

Stefanie Carp
(c) Clemens Fabry
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Stefanie Carp geht in die dritte Saison als Schauspielchefin der Wiener Festwochen. Die erfahrene und sehr erfolgreiche Dramaturgin will, dass sich Publikum und Künstler wechselseitig überfordern.

Als Sie mit Christoph Marthaler im Zürcher Schauspielhaus zusammenarbeiteten, gab es gegen Sie den Vorwurf der Strenge, als ob Sie eine Lady Macbeth wären. Wie gehen Sie mit so etwas um?

Stefanie Carp: Ein bisschen Strenge tut doch ganz gut in der Schokoladengemütlichkeit. Theater macht keinen Spaß, wenn es nicht überfordert, jeden und in jeder Hinsicht. Ansonsten waren, was die Leitung des Hauses in Zürich betrifft, die Rollen eben so verteilt: Christoph war der nette Schweizer und ich die böse Deutsche. Das war auch ganz sinnvoll.

 

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit starken Persönlichkeiten wie Marthaler, Frank Baumbauer oder Luc Bondy?

Man arbeitet im Theater mit vielen „starken Persönlichkeiten“ gleichzeitig. Ich war oder bin ja nicht deren Assistentin. Während zwei Intendanzen von Frank Baumbauer war ich Dramaturgin in einem Team mit anderen Dramaturgen. Frank Baumbauer ist ein fairer und sachlicher, intrigenfreier Chef und ein kluger und leidenschaftlicher Theaterpraktiker mit dem wichtigen Credo, dass ein Haus sich in den Dienst der Kunst zu stellen hat, Künstlern die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen hat. Zu Christoph habe ich ein viel persönlicheres Verhältnis, mal mehr mal weniger befreundet. Wir haben unzählige Male miteinander gearbeitet, auch als er noch nicht der berühmte Marthaler war, bevor wir nach Zürich gingen, wo ich seine Kodirektorin und Chefdramaturgin war. Die künstlerische Arbeit mit Christoph Marthaler und Anna Viebrock habe ich immer als etwas Freies und Schönes empfunden. Bei den Festwochen bin ich die Programmdirektorin des Schauspiels und Luc Bondy ist der Intendant. Das ist naturgemäß nicht ganz unkompliziert, trotzdem meist lustig. Wir sehen einander nicht sehr häufig, weil ich viel auf Reisen bin und er nicht in Wien lebt. Wir kommen aus unterschiedlichen Theaterdaseinsweisen und haben in vielem unterschiedliche Auffassungen. Unterschiede sind immer gut, wenn man sie produktiv machen kann, und das versuchen wir.

 

Ist Wien, wo Sie nun in der dritten Saison Schauspieldirektorin der Festwochen sind, ein Kontrastprogramm zu Zürich?

Beide Städte sind sehr überschaubar, beide Gesellschaften sehr hierarchisch. In Zürich muss sich alles rechnen, sonst darf es gar nicht existieren. Die Identität der Wiener sind nicht die Banken, sondern die Kultur. Insofern gibt es hier einen größeren Respekt für die Kunst. Leider meistens für rückwärtsgewandte und repräsentative Kunst. Es geht hier immer um irgendetwas fast höfisch Gesellschaftliches, was ich anstrengend finde. Aber der konservative Gesellschafts-Wiener geht auch da hin, wo er vorfindet, was er nicht mag oder versteht. Er schimpft dann, aber er geht hin.

 

Wie sind Sie zum Theater gekommen? Haben Sie auch Theaterwissenschaft studiert?

Nein, ich habe Germanistik studiert, über Alexander Kluge promoviert, und war eine Weile sehr an der Wissenschaft interessiert, parallel aber auch immer am Theater. Nach der Promotion hab ich mich als Dramaturgin beworben und wurde in Düsseldorf genommen. Diese speziellen Ausbildungen für Regie, Dramaturgie oder szenisches Schreiben gab es noch nicht. Nach zwei Jahren holte mich Frank Baumbauer nach Basel. Ich lernte Christoph Marthaler kennen, Anna Viebrock, Jossi Wieler, Wilfried Schulz etc. Dann gingen wir alle zusammen nach Hamburg. Das waren sehr schöne sieben Theaterjahre für uns alle, glaube ich. Dann wurde Christoph Marthaler das Zürcher Schauspielhaus angeboten, und er fragte Anna und mich, ob wir das mit ihm zusammen machen wollten.

 

Jetzt arbeiten Sie für ein Festival. Wie sieht da der Alltag aus?

Was man in einem Theater über das Jahr verteilt zeigt, findet kondensiert in sechs Wochen statt. Man lädt mehr ein, als dass man selber produziert. Für mich liegt die Hauptarbeit vor den Festwochen, wenn ich das Programm kuratiere. Es ist unter anderem eine viel einsamere Arbeit als am Theater und auch eine abstraktere. Zu viel Administratives für meinen Geschmack.

 

Sie müssen gewaltig viele Aufführungen anschauen. Wie kommt es zur Auswahl?

Ein Kriterium ist natürlich Qualität und ein anderes der innere Zusammenhang und die Reibung zwischen den Arbeiten. Ich hielte es für verrückt, wenn man behauptet, ein Programm müsse nur aus Meisterwerken bestehen, aber es muss eine Spannung zwischen den Ereignissen eines Festivals geben, damit sie ein Programm ergeben und nicht einfach eine Ansammlung schöner Inszenierungen. Wir haben einen internationalen Ansatz, und wir wollen neues Denken und neue Theaterformen nach Wien bringen. Um wirklich gut zu sein, müsste das Programm interdisziplinärer werden.

 

Was ist Ihre stärkste Form des Protestes als Zuschauer? Gehen Sie Türen schlagend ab?

Ich habe als Zuschauer in einem Theater nie das Bedürfnis zu protestieren. Sonst im Leben schon. Dieses Türen-schlagend-aus-der-Vorstellung-Laufen finde ich vulgärdidaktisch. Wenn ich auf der Suche bin, sehe ich mir sehr viel an, auch ziemlich manisch. Und manchmal findet man einen Schatz. Da sind dann aber auch immer schon viele Kollegen, die am gleichen Ort graben.

 

Sie waren mit 14 Jahren politisch bereits sehr stark engagiert, ziemlich radikal links. Ist das geblieben?

Damals schwappte das Ende der Studentenbewegung in die Schulen über. Alles wurde erst mal infrage gestellt oder verweigert oder aufgemischt. Das fand ich natürlich attraktiv. Revolte ist immer attraktiv. Aber es wurde insgesamt mehr politisch gedacht und gehandelt, und es gab nicht ein Verdikt gegen Intellektualität wie heute. Adorno oder Habermas oder Marx lesen war sexy. Elaborierte Ausdrucksweise war sexy, alles Komplizierte – was immer Sie mit „radikal links“ meinen, diese Begriffe haben ja bekanntlich keine Bedeutung mehr. Ich meine, dass gleicher materieller Lebensstandard und gleiche Möglichkeit qualifizierter Ausbildung ein zivilisatorischer Grundstandard sind, den die kapitalistische Wirtschaftsdiktatur nicht erfüllt.

 

2009 war die Wirtschaftskrise noch frisch. Wird sie sich im Festwochen-Programm für 2010 stärker finden?

Im Vorjahr hat Christoph Marthaler mit „Riesenbutzbach“ den Unsicherheitsgefühlen dieser sogenannten Krise gegenüber Ausdruck gegeben. Für 2010 habe ich absichtlich nicht das Thema Krise, sondern „alles anders“. Mich interessieren mehr die Protestenergien und die Gegenentwürfe als das Gejammer über Krise und Ungerechtigkeit. Zumal die Krise hier ja gar nicht so richtig zu spüren ist, so wie sich alle wieder ins Einkaufen stürzen. Und Ungerechtigkeit ist ja nun auch nichts Neues. Das Gute an der sogenannten Krise ist, dass es endlich mal wieder ausgesprochen werden darf – vorübergehend. Denken Sie daran, wie in Deutschland ganze Regionen zum Brachland gemacht wurden. Wie zynisch ganze Bevölkerungsgruppen abgeschrieben werden, minimal grundversorgt, kaum noch ausgebildet. Offensichtlich sollen sie einfach ruhiggestellt werden, vor ihren Fernsehern sitzen, Billigwaren konsumieren und die Klappe halten. Alle Aufsteiger haben Angst, dass sie dahin absinken, und wählen die FDP. Und es stimmt ja nicht, dass es nicht für alle reicht. Das Verteilungssystem ist falsch.

 

Wie finden Sie in Ihrem Programm die Balance zwischen Neigung und längerfristigen Verpflichtungen? Frank Castorf oder Marthaler haben inzwischen wohl schon Gewohnheitsrechte bei den Festwochen...

Die Frage finde ich falsch gestellt, denn die Künstler haben die Wiener Festwochen nicht nötig, aber die Festwochen haben die Künstler nötig. Christoph Marthaler kommt in diesem Programm gar nicht vor. Er hat eine Verpflichtung beim Festival d'Avignon. Er hat 2005 „Schutz vor der Zukunft“ hier gemacht, und war 2008 und 2009 hier. Zuvor, 2003, war er mit „Schöne Müllerin“ eingeladen, davor viele Jahre gar nicht. Da er einer der gefragtesten Künstler ist, muss man sehr um ihn werben. Ich finde es schön, wenn einige Künstler sich mit den Festwochen verbinden und die Festwochen mit ihnen identifiziert werden. Wenn man wirklich verändern will, dann müsste es eine ganz andere Art der Programmierung sein, nicht die Frage danach, ob man eher den oder einen anderen Regisseur einlädt oder nicht mehr einlädt.

 

Wie lange wollen Sie Ihren Job in Wien machen? Wollen Sie hier nach Luc Bondy Intendant werden?

Ich habe von Bondy das Angebot auf weitere drei Jahre.

 

Was wäre Ihr ideales Theater? Was wäre Ihre Traumstadt dafür?

Ich glaube an starke, extreme Künstler, nicht an das Praktische und leicht Konsumierbare. Ich wünschte mir ein Haus der Extreme, in dem sich Publikum und Künstler wechselseitig überfordern. Das ist in jeder Stadt möglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2010)