Schnellauswahl

Tartuffe ist ein fescher Aufsteiger

Der Hausherr und die widerspenstige Zofe: Mathias Lodd als Orgon, Julia Gräfner als Dorine.
Der Hausherr und die widerspenstige Zofe: Mathias Lodd als Orgon, Julia Gräfner als Dorine.(c) Lupi Spuma
  • Drucken

Kritik Kurz, flott und auch richtig böse inszenierte Markus Bothe im Schauspielhaus Graz Molières fantastische Komödie über heuchlerischen Betrug. Kaum ein Charakter bleibt unbeschädigt.

Am Schluss, nach hundert Minuten, als der König durch einen Beamten wie ein Deus ex Machina von oben verlauten lässt, dass alles angeblich doch noch gut ausgeht für die dem Betrüger Tartuffe aufgesessene Familie des verblendeten, neureichen Großbürgers Orgon, da wird im Schauspielhaus Graz die Tafel sprichwörtlich aufgehoben. In der entzückenden Inszenierung von Markus Bothe wurde ein Esstisch mit weißem Tuch und noblem Geschirr auf die Bühne gestellt, der fast die ganze Breite ausfüllt und von Anfang an eine herausfordernde schiefe Ebene ist.

Auf ihr bewegen sich die Darsteller mehr oder weniger elegant, sie ziehen sich von hinten für ihre Auftritte hoch oder lassen sich für ihre Abgänge plump bis spektakulär runterfallen. Am Ende aber wird diese Tafel nach vorn geklappt, sodass die liebe Familie sich an die fixierten Teller und Gloschen klammern muss, um nicht ins Parkett zu fallen. Ja, der König hat Gnade gezeigt, aber so nah am Abgrund klingt das Lachen dieser Figuren gar nicht befreit, sondern ängstlich.

 

Der Sonnenkönig darf der Retter sein

Molière hatte bei dieser Komödie mit härtestem Widerstand von konservativer katholischer Seite zu kämpfen. Der Dreiakter wurde 1664 nach nur einer Vorstellung von Ludwig XIV. verboten. Ein Abbé drohte dem Dichter sogar mit dem Scheiterhaufen. Erst 1669 – der Sonnenkönig war als Retter eingebaut worden – durfte die endgültige Fassung in fünf Aufzügen gespielt werden, zum Groll jener, die sich als Heuchler erkannten. Praktisch jeden konnte das treffen. Bothe, der in Hamburg Musiktheaterregie studiert hat, der in Opern versiert ist, versteht es, diesen Klassiker flott und unaufdringlich ins Heute zu übertragen. Dieser Sache dient auch Wolfgang Wiens geistvolle, theatertaugliche Übertragung des Textes ins Deutsche. Nicht nur Tartuffe wird enttarnt, der hier von Pascal Goffin als smarter Aufsteiger in Business-Grau gespielt wird. Auch die von ihm Ausgenutzten sind bald entblößt.

Diese Satten in ihrer schwarz-golden glitzernden Kleidung sind lauter Egoisten – in feiner Abstufung. Franz Solar spielt perfekt die bigotte Großmutter Pernelle, die ihre Frömmlerei mit jeder koketten Geste Lügen straft. Eine Heilige? Nein, eine Dame, die nach Auftritten in der High Society giert. Ihr Sohn Orgon eifert ihr in der Dümmlichkeit nach. Mathias Lodd glänzt als ein von seiner Familie Entfremdeter, der andernorts nach Sicherheit sucht und in Tartuffe den passenden, berechnenden Verführer findet. Auch seine Kinder haben große Schwächen: Simon Käser spielt voll Inbrunst den dummen Damis, dessen einzige Lösungsmöglichkeit in Gewalt besteht, Maximiliane Haß ist reizend als Mariane, die vor allem Unentschlossenheit verkörpert, als ihr Vater ihre Verlobung löst, um sie Tartuffe zu geben. Ihr armer Verlobter Valère (Florian Stohr) agiert um keinen Deut besser. Hier haben sich zwei verwirrte störrische Esel gefunden.

 

Brunftiger Beweis auf gedecktem Tisch

Ganz anders Orgons Frau Elmire (Henriette Blumenau): Sie bietet ihren Körper zur Überführung des Bösewichts so brunftig an, dass man annimmt, der unterm Tische lauschende Gatte werde garantiert gehörnt. Es ist köstlich anzuschauen, wie Krawatten und Reißverschlüsse artistisch eingesetzt werden, um erotische Verwicklung begreifbar zu machen. Ähnlich raffiniert verläuft die Szene, in der Marianes Vater sie überreden will, Tartuffe als Mann zu akzeptieren. Orgon entkleidet sich halb und schlüpft in offensichtlich schlimmer Absicht zur Tochter unter die riesige Decke. Von dort taucht rhetorisch rettend die Zofe auf. Sie ist noch vor Schwager Cléante (Thorsten Danner) die vernünftigste Person in all dem Irrsinn. „Ich lausche nie!“, lautet ihre defensive Devise.

Was wäre ein „Tartuffe“ ohne diese wortgewaltige, in jeder Hinsicht flinke Dorine? Julia Gräfner spielt sie umwerfend komisch. Sie ist das Kraftzentrum in all diesen Turbulenzen, die auch musikalisch passend differenziert untermalt werden. Man wünschte sich solch Helfer auch für heute, wenn munter „tartuffisiert“ wird, mögen die scheinbaren Heilsversprecher der Slimfit-Zeit nun Kern, Kurz oder Macron heißen. Unseren Rest an Vertrauen schenken wir Molières tollen Frauen, die garantiert wissen, was unter den Tischen und Laken vor sich geht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2017)