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Ebensee: Nazi-Parolen gegen Rabbiner

Das KZ Ebensee war eine Außenstelle des KZ Mauthausen.
Das KZ Ebensee war eine Außenstelle des KZ Mauthausen.(c) APA/REINHARD HOERMADINGER
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Zwei Männer attackierten einen Wiener Oberrabbiner verbal. Erinnerungen an eine Attacke auf einer Gedenkfeier 2009 werden wach.

Wien. „Heil Hitler“, hätten sie geschrien. Und dabei den rechten Arm zum Gruß der Nationalsozialisten gehoben. „Der Judas ist der Verräter von Christus“ sei auch zu hören gewesen, so wie auch „Mein Volk, mein Reich, mein Führer“ und weitere NS-Parolen. Es ist dies die Schilderung eines Wieners, der am Donnerstagnachmittag vergangener Woche gemeinsam mit seinem Großvater, einem Oberrabbiner, am Bahnhof Ebensee von zwei Männern verbal attackiert wurde. Der Rabbiner war in der Marktgemeinde im Salzkammergut, um seinem Enkel die NS-Gedenkstätte zu zeigen. Ein Großvater und ein Urgroßvater des Burschen – und Vater des Rabbiners – waren einige Zeit hier im Außenlager des KZ Mauthausen gefangen. Doch der Besuch zeigte ihm, dass einiges aus der NS-Vergangenheit im Ort offenbar auch in der Gegenwart noch vorhanden ist.

„Wir verhielten uns ruhig und reagierten am Anfang gar nicht“, schildert der Enkel des Oberrabbiners in einer Stellungnahme an die örtliche Polizei. Die hatte der Mann während des Vorfalls angerufen – doch weil der Streifenwagen anderweitig im Einsatz war, dauerte es einige Zeit, bis die Polizei zum Tatort kommen konnte. Als die Beamten eintrafen, waren der Oberrabbiner und sein Enkel bereits wegen eines dringenden Termins in einen Zug nach Wien gestiegen. Die Polizei konnte die Verdächtigen aber ausforschen, wie der zuständige Bezirksinspektor schriftlich mitteilte. Auch sei eine Person bereits einvernommen worden. Und da es sich um ein Offizialdelikt handelt, hat die Polizeiinspektion bereits Anzeige erstattet. Der Enkel hat auch schon von der Polizei eine Ladung als Zeuge zugestellt bekommen.

 

Schüsse bei Gedenkfeier

Ein weiteres Detail: Als ein Bekannter der beiden pöbelnden Männer den Bahnhof betrat und mit Hitlergruß empfangen wurde, habe der nur gelächelt – und sei nicht eingeschritten. Dass ein solcher Vorfall gerade in Ebensee passiert, wo seine Großväter zu Zwangsarbeit gezwungen wurden, sei besonders erschütternd, meint der Enkel des Rabbiners.

Ebensee rückte bereits einmal wegen eines Vorfalls in den Blickpunkt – 2009 hatten einige Jugendliche eine Gedenkfeier gestürmt, mit einer Softgun auf die Besucher geschossen und dabei NS-Parolen geschrien. Es kam zu Verurteilungen – wenn auch die Beschuldigten ihre Taten im Nachhinein nur als „Blödsinn“ bezeichneten, außerdem hätten sie keine Kontakte zur Neonazi-Szene und seien politisch uninteressiert.

„Das waren keine Hardcore-Rechtsextremen“, sagt auch Wolfgang Quatember über den Vorfall 2009. Der Leiter der Gedenkstätte und des Museums hat seit damals auch von keinen weiteren Vorfällen gehört. Dass gerade Ebensee ein Problem mit der Aufarbeitung der NS-Zeit habe, kann er nicht nachvollziehen: „In das Zeitgeschichtemuseum kommen fast alle Schüler.“ Aber gerade an Orten mit NS-Vergangenheit hätten manche wohl „eine gewisse Affinität zur NS-Geschichte“.

Was aber wohl eine Rolle spielen könnte: Auf Teilen des früheren KZ-Geländes wurde in den 1950er-Jahren eine Siedlung errichtet. Und bei den Menschen, die dort wohnen, gebe es einige, denen es ein Dorn im Auge sei, dass immer wieder Menschen durchgehen, „die fühlen sich stigmatisiert“. Und wer dort sozialisiert werde, bekomme von den Eltern oder Großeltern eben mit, dass der Gedenktourismus bei manchen unerwünscht sei. „Die kapieren nicht, dass da Leute hinkommen, weil Verwandte von ihnen dort gestorben sind.“

AUF EINEN BLICK

Das KZ Ebensee war eine Außenstelle des KZ Mauthausen. 1990 wurde auf einem Teil des Geländes eine Gedenkstätte errichtet, der Rest wurde mit Einfamilienhäusern bebaut.

2009 stürmten vier Jugendliche eine Gedenkfeier auf dem Gelände und schossen mit Softguns auf Besucher. Sie wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2018)