Aistersheim: Wie eine Gemeinde gegen Extremismus auftrat

Lichtermeer vor der Aistersheimer Pfarrkirche
Am Sonntag gab es ein Lichtermeer vor der Aistersheimer Pfarrkirche.privat

Der Kongress der rechten und rechtsextremen "Verteidiger Europas" hielt die 900-Einwohner-Gemeinde Aistersheim zwei Monate lang in Atem. Die Bürger schafften es trotzdem, ihre eigene Botschaft zu transportieren - auf ihre Art und Weise.

Am Wochenende ging der "Rechte Kongress" der "Verteidiger Europas" im Wasserschloss Aistersheim über die Bühne. Teilweise bereits einschlägig bekannte Vertreter rechter Parteien und ihrer extremeren Ausformungen trafen sich in dem winzigen oberösterreichischen Ort, um in dem wasserfleckigen Renaissance-Schloss etwa der Kritik des Grazer FPÖ-Vizebürgermeisters Mario Eustacchio an den Menschenrechten zu lauschen. André Poggenburg von der AfD sprach über die EU als "verderbliche Krankheit Europas". Im Publikum saßen unter anderem der vorbestrafte Pegida-Gründer Lutz Bachmann und Martin Sellner, der Sprecher der österreichischen "Identitären Bewegung".

"Geografisch im Abseits": der Ort Aistersheim im Hausruckviertel(c) imago/Hans Blossey (imago stock&people)

Draußen, vor dem Graben des Wasserschlosses am Ortsplatz, hatten sich Gegendemonstranten - etwa von Bündnissen wie "Linz gegen Rechts", dem kommunistischen Studentenverband, oder auch den "Omas gegen Rechts" - versammelt. Die Rufe der Aktivisten prallten an den Schlossmauern ab: "Die im Schloss haben es eh nicht gehört", sagt Walter Krenn. Der Aistersheimer war Initiator einer weiteren Veranstaltung, die neben dem Kongress und der Gegendemo am Samstag in seiner Gemeinde stattfand. Es war eine "Feier für Frieden, für Menschenrechte und für Toleranz". Die, im Gegensatz zum "rechten Kongress" und der Gegendemonstration, von den Aistersheimer Bewohnern selbst initiiert worden war.

Gefragt war die Gemeinde mit knapp 900 Einwohnern nie worden, als es um die Ausrichtung des umstrittenen - und medial hoch beachteten - Kongresses ging. Rudolf Riener, ÖVP-Bürgermeister der Gemeinde, erfuhr Anfang Jänner davon, dass Aistersheim Austragungsort des Rechts-außen-Kongress werden würde. Und das - wie die meisten Menschen - aus den Medien. Die Schlossbesitzer, die ihr Anwesen an die Organisatoren vermieteten, hatten sich nicht bei ihm gemeldet. Riener rief sie selber an, als er von dem Vorhaben hörte. Die Argumentation der Schlossbesitzer: Es handle sich um ein privates Gebäude. Aus finanziellen Gründen müsse man die Veranstaltung abhalten. Vier Tage später war die Veranstaltung offiziell angemeldet.

Schlechter Zustand, hohe Schulden

Wasserschloss Aistersheim (Archivbild aus dem Jahr 2012)(c) imago stock&people (imago stock&people)

Das Aistersheimer Wasserschloss liegt prominent im Ortszentrum - schräg gegenüber der Kirche, in direkter Nachbarschaft zum Gemeindeamt. Bäume grenzen das Areal von der Hauptstraße ab, der Wassergraben und die wasserfleckigen Mauern sind von dort aus nur zu erahnen: Gut ist der Zustand des Wasserschlosses schon lange nicht mehr. 2014 schon appellierte der damalige FPÖ-Landtagsabgeordnete - nunmehr FPÖ-Nationalratsabgeordnete - Wolfgang Klinger, an die Linzer Regierung, das Renaissance-Schloss doch als Kulturort zu fördern. Ansonsten würde sich der Zustand weiterhin verschlechtern: Die Besitzer hätten bereits einen hohen Schuldenstand.

Das Schloss ist seit 1977 im Privatbesitz der Familie Birnleitner. Familienoberhaupt Heinrich war von 1980 bis 1984 österreichischer Botschafter in Bagdad. Heute äußert er sich vorzugsweise zu einer vermeintlich falschen Interpretation christlicher Nächstenliebe hinsichtlich Menschenrechte und Asyl. Jesus, schreibt Birnleitner auf dem Blog von Andreas Unterberger, würde heute wohl einen "verstärkten Nationalismus" verfolgen. Auch würde Jesus "die Erhaltung unseres Bevölkerungsstandes durch eigene Nachkommen" wichtig sein, wie er in der als extrem rechts stehend geltenden Kirchenzeitung "Der 13." zitiert wird. Zudem war der Botschafter a. D. 2011 Initiator der kurzlebigen Bürgerinitiative "Überleben Unseres Österreichs", das die "Verankerung eines Leitbildes für die Entwicklung von Österreichs
Bevölkerung in der Bundesverfassung" forderte.

Birnleitners 26-jähriger Sohn Karl Arthur ist unterdessen zum Zuständigen für die Vermietung des Wasserschlosses geworden. Er wisse nicht, ob der Kongress nicht noch für ein weiteres Mal nach Aistersheim in das Gebäude seiner Familie zurückkommen werde, sagte er den "Oberösterreichischen Nachrichten"; Birnleitner Senior schloss dies dort ebenfalls nicht aus: Man sei ein Unternehmen, "das darauf ausgerichtet ist, wirtschaftlich zu überleben". Es hätten auch schon "links einzustufende Veranstaltungen" bei Birnleitners stattgefunden.

Es war also eine private Entscheidung, den Kongress auch stattfinden zu lassen. Manche Aistersheimer denken, die Birnleitners hätten damit zumindest toleriert, dass der Ort ins rechte Eck gerückt werde.

"Wir wollen das in Aistersheim nicht haben"

Bürgermeister Riener sah sich mit der Entscheidung der Birnleitners konfrontiert - und trommelte die Fraktionsobleute des Gemeinderats zusammen, um sie über die Geschehnisse zu informieren. Der Gemeinderat beschloss einstimmig: "Wir wollen das in Aistersheim nicht haben." Keine Demonstrationen, und schon gar nicht den Kongress der Rechten. "Ein großer Beweggrund" für die Versuche des Gemeinderats sei laut Riener das Image des Ortes gewesen: "Es ist uns der braune Rucksack umgehängt worden. Und das macht mir schon Sorgen."

Doch: Es war nichts zu machen. Der Bezirkshauptmannschaft waren genauso wie der Polizei die Hände gebunden. "Es war nicht zu verhindern", sagt der Bürgermeister. Als das Mauthausen-Komitee Riener schließlich wegen mutmaßlicher baulicher Mängel am Schloss kontaktierte und es ein "Risikogebäude" nannte, gab es eine Begehung - aber gravierende Mängel fand man keine. Für die Veranstalter und die Wasserschloss-Besitzer war die letzte Hürde genommen.

"Zwischen rechten und linken Extrempositionen"

Für die Aistersheimer war das Thema aber nicht einfach so beiseite zu wischen. Man habe sich zwischen rechten und linken Extrempositionen wiedergefunden, erzählt Walter Krenn. Manche Aistersheimer hätten vorgehabt, über das Wochenende wegzufahren. Andere sagten, sie würden die Kinder vom erwarteten Treiben fernhalten.

Geografisch liege man etwas im Abseits, meinte Krenn, vielleicht sei die Gegendemonstration auch deswegen nicht so bedrohlich groß geworden, wie zuvor befürchtet. "Sehr friedlich" sei alles abgelaufen, sagt auch Bürgermeister Riener. Die Polizei sei "sehr umfassend" vertreten gewesen. Zu den Gegenveranstaltungen, die von acht bis 18 Uhr am Ortsplatz stattfanden, kamen insgesamt 200 Leute.

Und dann? Dann kamen die Aistersheimer. Krenn hatte seine Idee im Pfarrgemeinderat eingebracht: Ein Wortgottesdienst solle gehalten werden, eine Art Positionierung der Aistersheimer. "Für Menschenrechte, für Frieden, für Toleranz. Es war uns wichtig, für etwas Positives einzustehen", sagt Krenn. Um 19 Uhr hielten vier Wortgottesdienstleiter die Feier in der Kirche ab. 200 Leute kamen. "So viele wie bei der Demo", sagt Krenn. Die Kirchengäste wurden danach eingeladen, eine Laterne mit auf den Ortsplatz zu nehmen und abzustellen. "Es war ein gutes Gefühl, zu wissen, dass die Leute, die im Schloss waren, um Mitternacht an den Laternen vorbeifahren und sie hoffentlich wahrnehmen würden", sagt Krenn. Ein friedliches Zeichen sei es gewesen.

"Es gibt andere Gründe, um berühmt zu werden"

"Damit haben wir nicht oft etwas zu tun", sagt Riener über die oft brisanten Geschehnisse der letzten beiden Monate, die sich auch regelmäßig im Licht der Medienöffentlichkeit abspielten. Der Bürgermeister - eigentlich Biobauer, der gern als Realist beschrieben wird, der überlegt und zukunftsorientiert handle - beherrschte die Situation aber wie jemand, der Routine in solchen Dingen hat. Auch das half dem Ort, das Beste aus der Lage zu machen. Doch nach den zwei Monaten mit dem Tanz um den Kongress der Rechten sagt Riener: "Für mich war der Abend das Wichtigste. Es war kein Gegen-etwas-Sein, sondern ein Für - für Frieden, Toleranz und Menschlichkeit, und da passen die beiden anderen Veranstaltungen nicht ins Konzept."

Die kleine Gemeinde hoffe nun freilich, keine Rückkehr der Rechten erleben zu müssen: "Es gibt viele andere Gründe, um berühmt zu werden."

(epos)