Schnellauswahl

Ausstellung in Albertina: Harings harmlose Schrecken

„Die Darstellung des bellenden Hundes ist ein Symbol, das Keith Haring oft und in sehr unterschiedlichen Konstellationen verwendet, um seine Angst auszudrücken“, wird uns erklärt: Ohne Titel, 1982.
„Die Darstellung des bellenden Hundes ist ein Symbol, das Keith Haring oft und in sehr unterschiedlichen Konstellationen verwendet, um seine Angst auszudrücken“, wird uns erklärt: Ohne Titel, 1982.(c) Albertina

Die Albertina friedet den anarchischen Pop-Artisten Keith Haring ein – indem sie betont, dass er ein ernsthafter, aber wirklich ganz ernsthafter Künstler gewesen sei.

Man stelle sich den 22-jährigen Keith Haring vor. Wie er durch New Yorks Subway streifte, stets auf der Suche nach einer passenden Gelegenheit. Das hieß: Nach einer leeren Plakatwand und der Möglichkeit, unbemerkt auf das schwarze Papier, das diese Wände bedeckte, seine Männchen, seine Hunde, seine Roboter und Flugzeuge, seine Babys und Glühbirnen und UFOs zu zeichnen. Die Kreide hatte er stets eingesteckt, Tausende Werke entstanden so zwischen 1980 und 1995 mit schnellem Strich, unter äußerstem Zeitdruck und in steter Gefahr, verhaftet zu werden – und irgendwann kannte ihn jeder in New York.

Ein paar dieser Subway-Zeichnungen sind auch in der Albertina zu sehen, und natürlich können sie hier nicht die gleiche Wucht entfalten und beim Betrachter nicht die gleiche komplizenhafte Freude auslösen wie in einer U-Bahn-Station. Und Keith Haring wäre auch der Letzte gewesen, der sich einer musealen Präsentation widersetzt hätte: Er suchte ja die Akzeptanz der Kunstwelt, seine Werke sollten von den einflussreichsten Galeristen verkauft werden, in den wichtigsten Museen hängen, und die Einladung zur Documenta – da war er Mitte 20 – nahm er mit Freude an. Das Problem ist nur: So, wie die Albertina seine Arbeiten präsentiert, wird ihnen noch der letzte anarchische Rest ausgetrieben.

Das liegt zum einen daran, dass mit allzu großem Engagement hervorgekehrt wird, dass es sich beim 1990 jung gestorbenen Keith Haring um einen sehr, sehr, aber wirklich sehr ernsthaften politischen Künstler gehandelt habe. Es sei „Kunst als Aufschrei gegen die Gewalt der Herrschenden, gegen Unterdrückung von Minderheiten, gegen Vorurteil und Barbarei“, schreibt Hausherr Klaus Albrecht Schröder im Vorwort zum Katalog.

 

Wie politisch ist dieses Werk?

Das Problem ist nur: Keith Harings Werk ist gerade dann am wenigsten überzeugend, wo es politisch wird. Beziehungsweise umgekehrt: Wenn man seine Arbeiten durch die politische Brille betrachtet, wirken sie meist schwächer, als sie sind. Etwa das riesige, 1986 entstandene Wimmelbild: taumelnde Körper, ein zerschnittener Leib, ein Gliedmaßen verzehrender Zerberus, am Abgrund taumelnde Gestalten. Wenn man es, wie hier vorgeschlagen, als Warnung betrachtet, fällt erst auf, dass sich der Schrecken nicht recht einstellen will. So apokalyptisch das Geschehen gedacht ist: Männlein bleibt Männlein. Als Referenz an Bosch und Breughel aber entwickelt diese Arbeit eine suggestive Kraft.

Zum zweiten hat Kurator Dieter Buchhart es unternommen, uns die „Ikonografie“ Harings zu erläutern, als sei er ein Alter Meister, als bräuchten wir Nachhilfe, weil wir nach drei Jahrzehnten die Bezüge nicht mehr verstehen könnten: „Der explodierende, zerberstende Kopf steht für die zunehmende mediale Informationsflut und die damit einhergehende menschliche Überforderung“, lesen wir da. Oder: „Das UFO steht für den Weltraum, für Raumfahrt und Kommunikation. Es ist auch ein Symbol für das Anderssein und kann jene Menschen bezeichnen, die sich außerhalb der gesellschaftlichen Norm und Gemeinschaft befinden.“ Oder, etwas simpler: „Das Herz steht für das Leben und die Liebe.“

Aber diese Erläuterungen frieden Keith Haring nur ein, sie drücken ihm eine Ordnung auf, die sich mit dem Werk gar nicht vertragen mag, und nehmen uns außerdem die Lust am Entdecken. Was sicher nicht im Sinne Keith Harings war: Er wollte ja gerade keine Interpretation vorgeben. Deshalb hat er den Bildern auch in den seltensten Fällen Titel gegeben.

Am schönsten ist die Ausstellung, wo wir Übermut und anarchische Freude finden: Da wäre eine Subway-Zeichnung, die jemand – Keith Haring selbst, ein anderer? – rot übersprayt hat. Die monumentale Mickey Mouse, die aus einem Fernseher lacht – Haring hat für diese Zeichnung rohe Bretter verwendet, die er genauso grob weiß grundiert hat. Oder die Dunkelkammer mit den fluoreszierenden Werken: Ein tanzender Hund, ein niedlicher Roboter, zwei kämpfende Männlein – oder klatschen sie sich nur ab? Sehr simpel, sehr wirkungsvoll. Einen ähnlichen Raum hat Keith Haring einst im Rahmen einer Ausstellung gestaltet, er hat zur Eröffnung Breakdancer eingeladen.

Es muss ein unglaubliches Event gewesen sein.

Keith Haring – The Alphabet: bis 24. Juni, Albertina, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2018)