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Hofmobiliendepot: Wie man sich bettete in Wien 1900

Drei Sessel, drei Architekten: Josef Hoffmanns berühmte „Sitzmaschine“, ein Armlehnstuhl Otto Wagners und der Adolf Loos'sche „Knieschwimmer“.
Drei Sessel, drei Architekten: Josef Hoffmanns berühmte „Sitzmaschine“, ein Armlehnstuhl Otto Wagners und der Adolf Loos'sche „Knieschwimmer“.(c) Edgar Knaack SKB
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Im großen Gedenkjahr der Wiener Moderne kann man hier zum Teil noch nie gezeigte Möbel-Ensembles von "Wagner, Hoffmann, Loos" studieren.

Leichte Sehnsucht kann in sentimentalen Gemütern aufkeimen, wenn man vor der Absperrung zur Esszimmermöblage der Ikone der Wiener Kunstkritik um 1900, Berta Zuckerkandl, steht. Tiefschwarz, glänzend poliert, klare, elegante Formen, von nur wenigen verspielten Details akzentuiert – so sind ovaler Tisch, Sessel und Anrichte hier wie Schmuckstücke aufgebreitet. Dahinter spannt sich die Idee des floralen Tapetenentwurfs „Mekka“, den Josef Hoffmann samt den Kohn-Sesseln schon im Verkaufsraum der Wiener Werkstätte (WW) in der Kärntner Straße verwendet hat. Eine interessante Achse, war Zuckerkandl mit ihren Brandschriften für Gustav Klimt, Secession und WW schließlich eine Art mediale Markenbotschafterin des secessionistischen Gesamtkunstwerks.

In diesen bis ins letzte Detail durchgestalteten Wohnungen wäre man gern Gast gewesen. Es wäre allein schön zu wissen, dass man dort prinzipiell heute noch zu Gast sein könnte. Man weiß nicht von vielen erhaltenen Ensembles, vieles wurde zerstört, als ihre vorwiegend jüdischen Besitzer von den Nazis ermordet oder vertrieben wurden. Manches blieb erhalten, aber nicht erkannt. So ist das Ansinnen dieser neuen Ausstellung im Hofmobiliendepot, vor allem Möbelgruppen der drei wichtigsten Wien-um-1900-Architekten, Otto Wagner, Josef Hoffmann, Adolf Loos, zu zeigen, auch die Erinnerung an diesen Verlust.

Kuratorin Eva Ottilinger weiß etwa zu erzählen, dass es rund 300 Loos-Einrichtungen gegeben haben muss. „Wir kennen heute höchstens ein Drittel, eher ein Viertel davon.“ Der Rest ist verloren – oder Sie sitzen gerade darin und wissen es nicht. So war es ein wenig bei einem Zimmer, das hier erstmals ausgestellt wird: dem Herrenzimmer Georg Roys, der sein Vermögen mit „geruchlosen“ Zimmertoiletten gemacht hat. 1901/04 hat Loos es eingerichtet, es erinnert mit Mahagonivertäfelung und Lederfauteuils an New Yorker Privatklubs. Seine Jahre in den USA in Verbindung mit seiner Herkunft aus einer Handwerkerfamilie machten Loos' Stil aus: nichts Neues zu erfinden, schon gar kein Ornament, sondern Erprobtes zu verbessern.

 

Elefantenrüssel statt Löwenpratzen

Großartig wird einem das hier an einzelnen Beispielen vorgeführt, am berühmten Loos'schen Elefantenrüsseltisch etwa, dessen massives englisches Vorbild noch Löwenpranken als Füße hatte. Woher gerade Loos seine Lampenungetüme hatte, die wie gebauschte Unterröcke wirken (zu sehen etwa in der Wohnung für Karl Kraus' Schwester), bleibt unklar. Ob die bei Loos häufig vorkommende, in die Wandvertäfelung eingelassene Druckgrafik ein Seitenhieb auf die Klimt'schen Bilder und Friese waren, die die Loos so verhassten Secessionisten bevorzugten, sei noch zu wenig erforscht.

Jedenfalls, so Ottilinger, werde im Vergleich der Ensembles klarer, woher 1900 der plötzliche Stilwandel bei Hoffmann/Moser gekommen sei. Wohl weniger von den damals in Wien ausgestellten englischen Arts&Crafts-Kollegen. Eher von Loos, der die beiden eingeladen hat, sich seine erste Wohnungseinrichtung für Eugen Stössler anzusehen. Man beobachtete sich gegenseitig eben scharf – was die durchlässige, an Rankgitter erinnernde Ausstellungsarchitektur betont, an der sich ausführlich Information zu Architekten, Handwerkern, Auftraggebern findet.

Es ist ein Vergnügen, hier durchzugehen, beginnend beim Auftakt mit der historistischen Ringstraßenzeit, die das Gesamtkunstwerk vorbereitet hat, das Wagner und seine Schüler wie Hoffmann dann „funktionalisieren“ sollten. Köstlich das laut Loos die „beginnende Einfachheit“ in Wien ankündigende „Absteigequartier“, das Wagner sich in einem seiner Wienzeilen-Häuser eingerichtet hat. Das Einzige, was in diesem Traum aus seidenem Kirschgarten einfach ist, ist das Messingbett. Mit vielen Leihgaben aus Museen in London und Paris, aber eben auch von Privaten kann Ottilinger hier zeigen, was damals unter dem Label „modern“ alles lief, wie man sich gegenseitig beeinflusst hat, vor allem die Jüngeren die Älteren. Manche Sammler, sagt sie, haben für die Ausstellung tatsächlich ihre Wohnungen leer räumen lassen. So muss die Familie des in der Schweiz ansässigen Wiener Fin-Tech-Unternehmers Martin Saidler jetzt anscheinend auf dem Fußboden essen. Und nicht am ehemaligen Tisch der Zuckerkandl.

Bis 7. Oktober. Di–So, 10–18 Uhr. Andreasgasse 7, Wien 7.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2018)