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Lasst sie schlafen

Sophia Loren 1957 in der libyschen Wüste.
Sophia Loren 1957 in der libyschen Wüste.(c) Getty Images (Silver Screen Collection)
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Den Mittagsschlaf, den brauchen wir nicht, der übermannt uns nicht: Den gönnen wir uns. Im Garten, am Strand, im abgedunkelten Zimmer.

Zuletzt haben die Selbstoptimierer das Mittagsschläfchen entdeckt. Sie nennen es nur anders: Power-Nap. Er soll die Kräfte wieder wecken. Vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen. Uns wieder leistungsfähig machen, wenn Körper und Hirn nach all den Terminen und Mails, nach all den halb und ganz erledigten Arbeiten nachlassen. Effizienz! Kontrolle! Diesen Power-Nap hält man natürlich nicht irgendwie, da gibt es Regeln, die zu befolgen sind, Tipps, die wir zu beherzigen haben: Nicht länger als zwanzig Minuten! Heißt es. Davor eine Tasse Kaffee trinken. Am besten, man schläft im Sitzen, Arme locker auf die Sessellehnen gelegt, und hält einen Schlüsselbund in der Hand: Sobald wir in den Tiefschlaf zu sinken drohen, sich die Muskulatur entspannt, fällt er hinunter – wir wachen auf und sind wieder fit.

Wie grausam! Wie überaus grausam! Gerade dann, wenn unsere Gedanken das Weite suchen und uns die Realität langsam entgleitet, wenn wir zwar irgendwie noch wissen, dass Wien nicht am Meer liegt und Esel selten in Hochhäusern leben, aber trotzdem schon sonderbare Bilder in uns aufsteigen: In diesem wundersamen Moment zwischen Wachen und Schlafen soll uns das Klirren des Schlüssels zurückholen in die nüchterne Wirklichkeit, in der der Computer surrt und Dutzende Nachrichten darauf warten, beachtet zu werden?

Das gönnen wir uns. Nein, vom Power-Napping soll hier nicht die Rede sein. Sondern vom Mittagsschlaf, dem wir uns vertrauensvoll überlassen. Den Mittagsschlaf, den brauchen wir nicht, der übermannt uns nicht: Den gönnen wir uns. In einem Liegestuhl im Garten, unter einem Baum im Park, am Strand: In der Ferne tönen Kinderstimmen, hin und wieder weht der Wind die Klänge eines Radios herüber. Eine sanfte Brise streicht uns über die Schulter. Summt eine Biene? Riecht es nach Sonnencreme oder nach verschütteter Limonade? Das stört uns nicht, das versichert uns nur, dass alles in Ordnung ist. Das Leben rundherum liefert unseren Träumen eine heitere Kulisse.

Oder (wenn wir Glück haben und den Mittagsschlaf in unseren Alltag integrieren können): im abgedunkelten Zimmer. Durch die geschlossenen Vorhänge blinzelt die Sonne und wirft einen hellen Streifen aufs Parkett. Nun dürfen wir kurz vergessen: den Ärger, der hinter uns liegt, die Aufgabe, die noch auf uns wartet. Wir tauchen ab in ein Reich, in das uns niemand folgt und in dem niemand etwas von uns braucht. Und wenn wir aufwachen, fängt der Tag wie von vorn an, unverbraucht, und alles scheint möglich.