Äthiopien: Der tödliche Kult um die Mingi-Kinder

Lale Labuko und mehrere der Mingi- Kinder, die er vor dem Tod gerettet und bei sich aufgenommen hat, um ihnen ein sicheres Heim und Schulbildung zu geben.
Lale Labuko und mehrere der Mingi- Kinder, die er vor dem Tod gerettet und bei sich aufgenommen hat, um ihnen ein sicheres Heim und Schulbildung zu geben.(c) Privat

Im Omo-Tal ist ein grausamer Aberglaube verbreitet: Zwillinge, uneheliche und andere unerwünschte Kinder sind zum Tod verurteilt. Lale Labuko und seine Hilfsorganisation wollen die Ritualmorde in seiner Heimat beenden.

Wien. Okkultismus, Spiritismus, Juju – eine Spielart von Voodoo –, die Verfolgung von „Hexen“ und Albinos: Hartnäckig haben sich in manchen Teilen Afrikas diverse Kulte festgesetzt. Nirgendwo allerdings hat sich ein womöglich so grausames Ritual erhalten wie der Mingi-Aberglaube im Tal des Omo-Flusses, im abgelegenen Südwesten Äthiopiens – einem Teil des Rift Valley, das gemeinhin als „Wiege der Menschheit“ gilt.

Von den Klippen gestoßen, im Fluss ertränkt, im Busch ausgesetzt und den Wildtieren zum Fraß überlassen: Das ist das Schicksal, das hier jährlich 200 bis 300 Babys und Kleinkinder trifft, die mit dem sogenannten Mingi (wörtlich: Fluch) belegt sind und angeblich Dürre, Krankheiten und Katastrophen über ihren Stamm bringen. In den Augen der Halbnomaden am Omo River tragen diese Kinder einen Makel: Sie sind unehelich, als Zwillinge oder auch ohne Zustimmung des Ältestenrats geboren worden. Allein, dass sich ihre Oberzähne vor den Unterzähnen entwickeln, reicht fürs Todesurteil aus.

Für Lale Labuko war es ein einschneidendes Erlebnis, als er im Alter von 15 Jahren von der 100 Kilometer entfernten Missionsschule in sein Dorf Dus zurückkehrte und er Zeuge der Ermordung eines zweijährigen Mädchens wurde. Er erinnert sich an ein Geschrei, an das Heulen von Mutter und Kind, das mehrere Männer zum Fluss geschleppt hätten, um es umzubringen. Als seine Eltern ihn ins Familiengeheimnis einweihten, dass seine beiden älteren Schwestern auch auf diese Weise zu Tode gekommen seien, beschloss er, diesem Ritual ein Ende zu setzen.

Zumindest bei den Kara, seinem Stamm, hat er dies 20 Jahre später erreicht, erzählt er anlässlich eines Österreich-Besuchs. Zuerst habe er seinen Vater überzeugt und in zähen Gesprächen schließlich die Dorfältesten. Um Kinder seines Dorfs vom Fluch zu befreien, habe er sie kurzerhand in sein weit entferntes Heim gebracht – und der Donnergroll, der ein Gewitter ankündigte, erzielte zusätzlich einen Effekt. Mittlerweile hat Labuko 50 Kinder gerettet und die Hilfsorganisation mo Child“ gegründet.

Unter dem Titel „Omo Child Äthiopien Austria“ unterstützt ihn neuerdings der oberösterreichische Unternehmer Robert Ebner, der im vorjährigen Weihnachtsurlaub in Äthiopien – halb aus Interesse, halb durch Zufall – auf Labuko und den Mingi-Kult stieß und sich seither für die Sache begeistert, Spenden und Patenschaften sammelt. „Es hat mir die Tränen herausgedrückt“, bekennt er.

Die vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilme „Drawn From Water“ und „The River and the Bush“ schildern Labukos Karriere vom Rinderhirten bis zum US-Stipendium. Und sie beleuchten seine Mission, das Mingi-Ritual bis 2030 auch bei den Hamar und Bena, den beiden anderen Stämmen im Omo-Tal, die einem animistischen Glauben anhängen, zu stoppen.

Der 35-Jährige setzt dabei auf Unterstützung der lokalen Regierung und den Sickereffekt der Schulbildung, die allmählich auch die abgeschnittene Region erreicht. Zuerst gilt es jedoch, dem Ältestenrat Respekt abzuringen und ihn durch mühsame Überzeugungsarbeit zu gewinnen. Seine eigene Mutter brachte er durch Tabubruch zum Eingeständnis: „Hätte ich doch noch meine beiden Töchter.“