Drogenkrieg in Mexiko: Von Gott, Gift und Gemetzel

Mexiko
(c) REUTERS (STRINGER/MEXICO)

Mexiko wird seit Jahren von einem Krieg zwischen Drogenbanden untereinander und den staatlichen Sicherheitskräften zerrieben. Die Grausamkeit nimmt teils apokalyptische Formen an.

Es gehört seit Jahren zu Mexikos Alltag: Drogenkartelle bestechen Politiker und kaufen Polizisten, foltern und enthaupten Mitglieder rivalisierender Verbrecherbanden, bekämpfen die Ordnungskräfte mit Granatwerfern und modernster Abhörtechnologie.

Was sich jedoch am Samstag, dem 30. Jänner, in der an der Grenze zu den USA gelegenen Stadt Ciudad Juárez abspielte, war selbst für mexikanische Verhältnisse beispiellos: In einem Privathaus hatten sich Dutzende Jugendliche zu einer Geburtstagsfeier eingefunden – zumeist Gymnasiasten und Universitätsstudenten, einige von ihnen waren wegen besonderer akademischer oder sportlicher Leistungen ausgezeichnet worden.

Der tödliche Geburtstag. Als der im Nachbargebäude wohnende Jaime Rosales kurz vor Mitternacht seinen Wagen in die Garage fahren wollte, sah er, wie mehrere Großraumlimousinen mit dunkel getönten Scheiben die Straße absperrten. Den Fahrzeugen entstiegen schwer bewaffnete und maskierte Männer. Sie drangen in das Haus ein, in dem gefeiert wurde, eröffneten das Feuer und mähten binnen weniger Sekunden 15 Menschen nieder – darunter zehn Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren. Zehn weitere wurden teilweise schwer verletzt.

„Ich hörte Schüsse und rannte auf die Straße. Die Leute schrien. Wir versteckten uns unter geparkten Autos“, erzählte eine Studentin, die an der Geburtstagsfeier teilgenommen hatte.

An jenem Wochenende befand sich der mexikanische Präsident Felipe Calderón auf Staatsbesuch in Japan. Als er von dem Massaker an den Jugendlichen hörte, sagte er, was er in solchen Situationen oft sagt: „Das war eine Abrechnung zwischen verfeindeten Drogenkartellen.“

Der Fauxpas des Präsidenten. Die schockierte Öffentlichkeit des Landes mit seinen etwa 111 Millionen Einwohnern sah sich nicht nur mit einem unfassbar grausamen Verbrechen konfrontiert, sondern auch mit der fehlenden Sensibilität des Staatsoberhaupts, der die Opfer zu Tätern machte, noch bevor die Ermittlungen begonnen hatten. Heute vermutet die Polizei vielmehr, dass es sich bei dem Gemetzel um einen Irrtum gehandelt hat: Eine Drogenbande sei davon ausgegangen, in dem Haus würden ihre Feinde feiern. Calderón sah sich mittlerweile gezwungen, nach Ciudad Juárez zu reisen, um sich bei den Eltern der ermordeten Jugendlichen „in aller Form“ zu entschuldigen.

Grundsätzlich jedoch hatte der Präsident nicht unrecht: Die meisten Opfer im mexikanischen Drogenkrieg gehören einem der sieben großen Verbrechersyndikate des Landes an. Sie sterben im Kampf um Territorien und Transportrouten, sie werden hingerichtet, weil sie einen Boss verraten oder ihre Dienste als Dealer, Schmuggler und Killer einer gegnerischen Gruppe angeboten haben.

Daneben fallen Polizisten, Ermittlungsbeamte, Staatsanwälte und immer häufiger auch Journalisten: 2009 starben 7724 Personen, seit Jahresbeginn sind es bereits mehr als 1200.

Die neuen Mächtigen. Den Krieg hat die Drogenmafia durch ihren eigenen Erfolg entfesselt: Nachdem es der kolumbianischen Regierung in den Neunzigerjahren gelungen war, die einst mächtigen Syndikate von Medellín und Cali zu zerschlagen, übernahmen mexikanische Verbrecherorganisationen den Drogenschmuggel von Lateinamerika in die Vereinigten Staaten fast vollständig. Laut der amerikanischen Antidrogenbehörde DEA importieren und verteilen sie gegenwärtig 90 Prozent des in den USA abgesetzten Kokains, wobei sie jährlich rund 20 Milliarden Dollar einnehmen – das ist doppelt so viel wie Mexiko für die öffentliche Sicherheit ausgibt.

Je stärker die einzelnen Gruppen werden, desto heftiger geraten sie aneinander, und je reicher sie werden, desto bedrohlicher wuchert ihre Korruptionsmacht. Offiziellen Schätzungen zufolge arbeiten mehr als zehn Prozent der mexikanischen Ordnungskräfte mit ihnen zusammen, während den anderen die Angst vor Entführung, Folter und Mord keine Ruhe lässt. Schon mehrmals haben ganze Polizeikorps geschlossen gekündigt.


Die Flucht des Polizeichefs. In Ciudad Juárez drohte die Drogenmafia vergangenes Jahr, alle 48 Stunden einen Uniformierten zu töten – so lange, bis der Polizeichef zurücktrete. Nach den ersten beiden Morden räumte er sein Büro und flüchtete in die USA.

Wäre der mexikanische Drogenkrieg nicht blutige Wirklichkeit, könnte man viele seiner Figuren für die Ausgeburten einer irrlichternden Fantasie halten. Da ist zum Beispiel Joaquín Guzmán Loera, genannt „Chapo Guzmán“, der Chef des mächtigen „Sinaloa-Kartells“. Sechs Jahre lang saß der 1,60 Meter kleine Drogenboss in einem Hochsicherheitsgefängnis, wo er seinen immensen Reichtum nutzte, um die Wärter zu bestechen, Fressgelage und Sexorgien zu feiern. Am 19. Jänner 2001 gelang ihm die Flucht, angeblich versteckt in einem Wäschewagen.

Chapo Guzmán ist seither der meistgesuchte Mann Mexikos – ein Phantom von bäuerischer Vierschrötigkeit, schlau, misstrauisch, grausam.

Die Mätresse der Mörder. Da ist auch Sandra Ávila Beltrán, die „Königin des Pazifik“. Zweimal war die heute 49-Jährige mit Polizisten verheiratet, die sich von Drogenkartellen anheuern ließen und später erschossen wurden. Zu ihren Geliebten gehörten mehrere Bosse, Gerüchten zufolge auch Chapo Guzmán. Im September 2007 wurde sie beim Kaffeetrinken in einem Einkaufszentrum von Mexiko-Stadt verhaftet. Auf den kurz darauf veröffentlichten Polizeifotos blickt die attraktive, langhaarige Drogenchefin mit aufreizender Gelassenheit in die Kamera, als würde sie für ein Mode-Shooting posieren. Vor den Aufnahmen hatte sie gebeten, sich schminken zu dürfen.

Vor allem in den nördlichen, an der Grenze zu den USA gelegenen Regionen untergraben Verbrecherorganisationen zunehmend die Autorität des Staates, indem sie sich als regelrechte Parallelmacht festsetzen. Aber auch im zentral gelegenen Bundesstaat Michoacán wütet eine besonders barbarische Gruppe, die ihre kriminellen Aktivitäten zudem mit dem Anspruch verbindet, für soziale Gerechtigkeit und religiöse Demut zu sorgen. Sie nennt sich „La Familia“.

Nachdem die Polizei am 11. Juli des vergangenen Jahres Arnoldo Rueda Miranda alias „La Minsa“ festgenommen hatte, den mutmaßlichen Vizechef der Bande, schritten dessen Untergebene zur militärischen Großoffensive: Schon wenige Minuten nach der Verhaftung griff ein mit Maschinengewehren und Granatwerfern bewaffnetes Kommando den Sitz der „Policía Federal“ in Michoacáns Hauptstadt Morelia an. Die Befreiungsaktion scheiterte, weil sich La Minsa bereits auf dem Weg in ein Gefängnis von Mexiko-Stadt befand.

Das Ende der Freundlichkeit.Michoacáns Kapitale Morelia gehört zu den schönsten Städten Mexikos und dank ihrer kolonialen Architektur zum Weltkulturerbe der Unesco. Wer durch ihre Straßen flaniert oder unter einem der vielen Bogengänge einen Kaffee trinkt, würde niemals vermuten, dass sich hier das heute wohl gefährlichste Drogenkartell Lateinamerikas festgesetzt hat. Doch es genügt, einen Passanten auf La Familia anzusprechen, um zu erleben, wie die sprichwörtliche mexikanische Freundlichkeit einfriert: „Ich kenne diese Gruppe nur aus der Zeitung. Keine Ahnung, wer genau dahintersteckt. Aber warum fragen Sie überhaupt?“, antwortet ein Mann auf der zentralen Avenida Francisco I. Madero.

Der Einzige, der sich bereit erklärt, über La Familia zu sprechen, ist der Chefredakteur einer lokalen Tageszeitung – aber nur, wenn sein Name und der Titel seiner Publikation unerwähnt bleiben. „Sonst bin ich morgen tot.“

Laut dem Journalisten habe La Familia ein zwiespältiges Verhältnis zur Presse. Einerseits reagiere sie auf Berichte über ihre kriminelle Tätigkeit – Drogenhandel, Entführungen, Schutzgelderpressung, Zuhälterei, Geldwäsche, Verkauf von Raubkopien – allergisch. „Sämtliche lokalen Blätter haben aufgehört, zu diesem Thema zu recherchieren. Und selbst den Namen der Gruppe drucken wir nur, wenn er in einer Agenturmeldung vorkommt.“

Die höhere Gerechtigkeit. Andererseits liege der Organisation viel daran, ihre Anliegen publik zu machen, weshalb sie einst sogar in zwei Zeitungen ganzseitige Inserate geschaltet hat. Der Auftrag erfolgte kurz vor Redaktionsschluss und unter massiven Drohungen gegen die jeweiligen Blattverantwortlichen.

La Familia sieht sich nämlich nicht als Drogenkartell, sondern als Verfechterin einer „höheren Gerechtigkeit“: „Unser Ziel besteht darin, Michoacán von Entführungen, Auftragsmorden, Erpressungen, Autodiebstählen und Drogenhandel zu befreien“, hieß es im öffentlich verbreiteten Propagandatext, der auch im Internet publiziert wurde. Dass die Bande genau diesen Aktivitäten selbst nachgeht, scheint sie nicht zu kümmern – die eigenen Verbrechen sieht sie als notwendiges Übel, um die Verbrechen anderer zu bekämpfen.

Diese Logik ist eigens in einem Buch dargelegt, das die Gruppe herausgibt und an ihre Mitglieder verteilt. Sein Verfasser ist der Chef der Bande, Nazario Moreno alias „El más loco“ (Der Verrückteste). Sein Titel: „Der Verrückteste. Gedanken“.

Obwohl das Werk in keiner Buchhandlung erhältlich ist, sind Auszüge davon an die Öffentlichkeit gelangt. „Wenn du eines Tages weinen willst, komm zu mir. Ich verspreche nicht, dich zum Lachen zu bringen, aber ich kann mir dir weinen. Wenn du eines Tages jemanden brauchst, komm zu mir, ich werde dich anhören.“

Laut dem Chefredakteur der lokalen Tageszeitung ist Moreno strenggläubiges Mitglied einer evangelikalen Sekte. „Er ist ein Mystiker des Verbrechens. Man erzählt sich, dass er völlig unauffällig lebt und meist allein in einem kleinen Auto unterwegs ist. Fotos gibt es keine von ihm.“

Der Wert der Gottesfurcht. Verhaftete Bandenangehörige haben ausgesagt, Moreno predige seinen Untergebenen Werte wie Fleiß, Ehrlichkeit, Gottesfurcht und sexuelle Enthaltsamkeit. Die Organisation betreibt sogar Rehabilitierungsprogramme für Drogensüchtige, um sie danach als Mitglieder zu rekrutieren. Sie unterstützt arme Familien mit Geld und bestraft Ehemänner, die ihre Frauen verprügeln.

Das Gefährliche an La Familia liegt auch darin, dass sie Aufgaben übernimmt, die dem Staat zustehen: So versucht sie, sozialer und politischer Akteur zu werden. Die Brutalität, mit der sie Feinde traktiert – ob Ordnungskräfte oder Angehörige des rivalisierenden Kartells „Los Zetas“ – erinnert an den Fanatismus islamistischer Extremisten.

Im September 2006 etwa warf ein Kommando in der Stadt Uruapan fünf menschliche Köpfe auf die Tanzfläche eines Nachtlokals. Die Täter ließen eine Botschaft zurück: „La Familia tötet nicht für Geld, tötet keine Frauen, tötet keine Unschuldigen. Es stirbt nur, wer sterben muss. Alle sollen es wissen: Das ist göttliche Gerechtigkeit.“

Im Kampf gegen die Kartelle setzt der seit Dezember 2006 regierende Präsident Calderón auch die Armee ein. Mehr als 50.000 Soldaten versuchen, die Macht der Syndikate zu brechen, dabei verzeichnen sie durchaus Erfolge. In jüngster Zeit sind mehrere Drogenbosse verhaftet und an die Vereinigten Staaten ausgeliefert worden, während die Menge an beschlagnahmtem Kokain, Marihuana und synthetischen Drogen Jahr für Jahr wächst.

Das Morden geht dennoch weiter. Für den liberalkonservativen Calderón sind die vielen Toten der unvermeidliche Kollateralschaden eines erfolgreichen Kampfes. Er behauptet, die Kartelle sähen sich in die Enge getrieben wie nie zuvor und würden umso rabiater um sich schlagen.

Die Übermacht des Geldes. Experten bezweifeln die These. Würde sie stimmen, müsste ihrer Ansicht nach die Zahl der Opfer irgendwann sinken, statt ständig zu steigen. Das organisierte Verbrechen sei finanziell schlicht zu stark, um gegen die schlecht bezahlten regulären Ordnungskräfte zu unterliegen, und der Einsatz des Militärs ist in einem demokratischen Rechtsstaat langfristig untragbar. Mexikanische Menschenrechtsorganisationen und Amnesty International beklagen, dass die Soldaten nicht nur foltern, sondern mutmaßliche Bandenmitglieder verschiedentlich sogar einfach hinrichten.

In Mexiko tobt ein tödlicher Kampf zwischen Staat und organisiertem Verbrechen, dessen Ausgang alles andere als entschieden ist.