Filmtipps

Blumenwiese und Sex-Utopie: Die filmischen Kinder der 68er-Revolution auf Netflix, Amazon & Co.

Aktivismus geht in „Die wilde Zeit“ mit Melancholie einher.MK2 Productions

Vor 50 Jahren begann in Paris eine Revolte, die die Welt mitriss – und die (auch) im Film lange fortwirkte. Fünf Empfehlungen zum Streamen, vom musikalischen Protest bis zur Wiener Arena.

Eine deutsche Jugend

Von Jean-Gabriel Périot, 2015
Zu sehen auf Flimmit

Jean-Gabriel Périot leitet seinen Film mit einer kurzen Hitler-Aufnahme ein. Danach dreht sich ein Mann ins Bild, der eine Pistole zieht und schießt: auf sie, auf uns, auf die da oben und – natürlich! – auf Hitler und das, wofür er steht. 1968 als Western-Duell. Nach diesem Startschuss ist zu sehen, wie sich Westdeutsche massenhaft mit Kameras eindecken, als würden sie sich mit ihnen bewaffnen. Das Material, das Périot für „Eine deutsche Jugend“ verwendet hat, entstand zwischen 1968 und 1976. Man kriegt Partikel aus Fernsehberichten, Studenten-, Avantgarde-, und Kunstfilmwerken zu sehen. Die Konfliktparteien, die damals in der BRD aneinandergerieten, verknüpft er mit den Bildern, die sie von sich, der Situation und ihrem Gegner produzierten. Das teure TV-Studio ist das Kontrastbild zur unschönen Zerstörungsästhetik der Experimentalfilmer. Ulrike Meinhoff tritt in Erscheinung – damals noch ein beliebter Talkshow-Gast. Später wird sie als RAF-Terroristin verkünden, die politische Macht komme aus den Gewehrläufen. Die Experimentalfilm-Guerilla war ihr zu ineffizient. Nur bei Périot ist sie ein ebenbürtiger Kampfteilnehmer im Krieg der Bilder. Und die beste Seite, auf die man sich schlagen kann, weil ihre Schüsse niemanden umbringen.

 

Schulmädchen-Report, 8. Teil: Was Eltern nie erfahren dürfen

Von Ernst Hofbauer, 1974
Zu sehen auf Amazon Prime

Die Idee von der Befreiung der Triebe war eindeutig das erfolgreichste Projekt der 68er. Zur sexuellen Revolution fühlten sich auch Unpolitische eingeladen. Die Geschäftsleute witterten Geld. Selbst das Bürgertum leistete wenig Gegenwehr. Die schlüpfrigen Schulmädchenreport-Filme wollte natürlich niemand gesehen haben, obwohl sie unglaubliche Kassenknüller waren. Im achten Teil lässt sich eine verstockte Hausfrau zum Schäferstündchen überreden. Ihr Stöhnen ist so extrem, dass es wirkt, als würde sie ihre ganze seit Adenauer aufgestaute Fleischeslust herauslassen. Die Jugendlichen bevorzugen eher Blümchensex. In dieser unschuldigen Utopie einer versexten Welt wirkt der Gegensatz von Revolte und Genuss ziemlich versöhnt.

 

Die wilde Zeit

Von Olivier Assayas, 2012
Zu sehen auf Flimmit oder Sky Go

Der Maturant Gile glaubt noch an den Pariser Mai, der erst einige Jahre zurückliegt, aber er spürt ihn nicht mehr. Wenn er vom Steineschmeißen und Theorienlesen genug hat, findet er seinen Frieden im Draußensitzen und Bildermalen. Er ist Aktivist und zugleich Melancholiker. Und man sieht ihm die Skepsis gegenüber der teils bornierten Denkweise seiner Freunde an, wiewohl er sie irgendwie auch versteht. „Die wilde Zeit“ ist eine 68er-Ballade. Der Konflikt, ob es besser ist, in die innere Emigration zu gehen oder aktivistisch zu bleiben, findet keine Auflösung. Vielleicht gehört dieses ständige Dilemma ja wesenhaft zum Politischsein dazu?

 

Almost Famous

Von Cameron Crowe, 2000
Zu sehen auf Sky Go oder Sky Ticket

Sich vom Bekannten ab- und dem Unbekannten zuzuwenden, ob auf der Ebene der Lektüre-, Film- oder Musikpräferenzen, eint die Erfahrung von '68 mit dem Coming-of-Age-Topos vom Kofferpacken, Den-letzten-Streit-mit-den-Eltern-Austragen, Die-Haustür-Zuknallen und Das-Weite-Suchen. Als der 11-jährige William 1969 die wilde Schallplattensammlung seiner Schwester entdeckt, die aus Protest gegen ihre sittenstrenge Mutter abgehauen ist, beginnt er die totale Freiheit zu begehren. Die Popmusik verschmilzt mit diesem Wunsch und wird zu seinem Verstärker. Der restliche, 1973 einsetzende Hauptteil von „Almost Famous“, in dem William als Musikkritiker die Band „Stillwater“ begleitet, ist ein langes Echo dieses Moments.

 

Arena besetzt

Von Ruth Beckermann, Josef Aichholzer und Franz Grafl, 1977
Zu sehen auf Flimmit

Fritz Keller prägte den Begriff der heißen Viertelstunde für den Mai '68 in Wien. Im Geburtsjahr der Bewegung war es hier erstaunlich ruhig geblieben. Kein Vergleich zu den Eruptionen in Paris oder Berlin. Dennoch hinterließ der Protest aus den anderen Ländern seine Spuren. Der Kopf nahm alles auf, aber der Körper wollte nicht aufspringen. Dafür bedurfte es der Ankündigung der Stadtverwaltung, das Arena-Areal in St. Marx zugunsten einer Textilkette abzureißen. Der perfekte Anlass. Nach ihrem öffentlichen Aufschrei besetzten die Empörten den ehemaligen Schlachthof.
Beckermann, Aichholzer und Grafl begleiteten in den folgenden drei Monaten deren Alltag mit einer billigen Kamera. Es wird viel diskutiert. Und geschaut, wo man anpacken kann. Was in den letzten acht Jahren verpasst wurde, wird in 12 Wochen nachgeholt. 1976 zum eigenen 1968. Inklusive Mini-Woodstock, bei dem „Die Schmetterlinge“ oder Leonard Cohen auftreten. Die Bildqualität dieses raren Fundstücks ist recht verrauscht, Ton und Bild sind nicht mehr synchron – die festgehaltene Epoche bekommt dadurch aber etwas Mythisch-Prähistorisches.

Ruth Beckermann Filmproduktion

 

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