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Jeder zweite Österreicher sieht Islam als Bedrohung

Jeder zweite oesterreicher sieht
(c) AP (Heribert Proepper)

Laut einer aktuellen IMAS-Studie sind 54 Prozent der Österreicher "eher gegen" den Bau von Minaretten. Zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung besteht eine große Kluft.

Nur mehr jeder fünfte Österreicher bezeichnet sich als religiös. Vor 35 Jahren waren es noch fast 30 Prozent. Gleichzeitig grenzt sich die heimische Bevölkerung deutlich von der muslimischen Bevölkerung ab. 54 Prozent der Österreicher - Männer etwas mehr als Frauen, Ältere mehr als Junge - glauben, dass der Islam eine „Bedrohung für den Westen ist". Die Befragten haben aber zunehmend das Gefühl, über solche Ansichten nicht wirklich offen reden zu können. Das ergibt eine große Studie des Linzer Meinungsforschungsinstituts Imas. zum Thema „Religion und Freiheit" im Auftrag des Internationalen Instituts für Liberale Politik. Sie liegt der „Presse" exklusiv vor.

Demnach wäre es nur vier Prozent recht, wenn ein enges Familienmitglied einen Moslem heiraten würde. Bei drei Prozent der Befragten ist das allerdings schon der Fall, überdurchschnittlich häufig übrigens in Wien.
Auch die Akzeptanz von Minaretten in Österreich wurde abgefragt. Ergebnis: 59 Prozent sind „eher dagegen". 51 Prozent finden, dass der Bau von Moscheen und das Tragen islamischer Kopftücher überhaupt verboten sein sollte. (In der Schweiz stimmten im Vorjahr 57,5 Prozent für ein Bauverbot.)

"Wenig Anpassungsbereitschaft"

72 Prozent der Österreicher (versus 38 Prozent bei Grünen-Anhängern) kritisieren auch die mangelnde Anpassungsbereitschaft von hier lebenden Moslems. „Österreich ist ein christliches Land und sollte es auch bleiben": Das sagen 61 Prozent der Befragten. Aber auch 42 Prozent meinen: „Je weniger Ausländer, desto besser." Besondere Aversionen haben die Anhänger der Freiheitlichen (76 Prozent). Dieser radikalen Ansicht schließen sich auch 39 Prozent der SPÖ- und 37 Prozent der ÖVP-Anhänger an.

Lediglich die Grünen liegen in allen Bereichen quer zum Trend. So ist nur circa jeder 14. „Grüne" gegen den Bau von Moscheen, und nur etwas mehr als ein Viertel in dieser Gruppe meint, Österreich solle ein christliches Land bleiben. Umgekehrt sieht fast jeder zweite Grünen-Anhänger in Zuwanderung einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen für Österreich. Dieser Meinung schlies-12;0ßen sich allerdings lediglich 15 Proszent der SPÖ- und 16 Prozent der ÖVP-Anhänger, im FPÖ-BZÖ-Lager sogar nur fünf Prozent an.

Wachsender Meinungsdruck

Die Österreicher orten einen zunehmenden Meinungsdruck in der Ausländerpolitik. „Kann man in Österreich eigentlich ganz ohne Scheu darüber reden, wie man über politische, geschichtliche oder kulturelle Dinge denkt?", fragte Imas. 14 Prozent meinten 2007, es sei besser, sich zurückzuhalten. Im Februar 2010 teilten bereits 24 Prozent diese Ansicht. Dazu kommen noch einmal 20 Prozent, die finden, dies hänge vom Problem ab. Es gebe „flagrante Widersprüche zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung", sagen die Imas-Forscher.

„Islam als Bedrohung gesehen"

Eine große Mehrheit - 71 Prozent - glaubt, dass der Islam mit westlichen Vorstellungen von Demokratie, Freiheit und Toleranz nicht vereinbar sei. Studienauftraggeber Erich Reiter, Chef des Instituts für Liberale Politik (und pensionierter Sektionschef im Verteidigungsministerium), weist darauf hin, dass auch Menschen mit Glaubenszweifeln die Unterschiede zwischen Christentum und Islam ähnlich einschätzen. „Aus einer liberalen Perspektive wird daher der Islam durchaus als eine Bedrohung für unsere Gesellschaft gesehen. Die Politik sollte das ernst nehmen und darauf reagieren", meint er im „Presse"-Gespräch.

Und wie steht's mit dem Glauben? Immerhin glauben in Summe fast 60 Prozent entweder an einen Bibelgott (25 Prozent) oder an eine „geistige Macht über uns" (34 Prozent).Doch der christliche Glaube hat mittlerweile für die Befragten auch bei der Erziehung von Kindern eine völlig untergeordnete Bedeutung bekommen: vorletzter Platz im Ranking, danach folgt „europäische Gesinnung". Für das wichtigste Erziehungsziel halten die Österreich übrigens „selbstständig denken und handeln".

Genauso lautet auch die Selbsteinschätzung der Befragten. Sie zählen sich zu 63 Prozent zu „Menschen, denen Freiheit und Unabhängigkeit viel bedeuten". Danach folgen „Weltoffene" und „Ordnungsliebende". Weiters Interessant: Als „gehobene Schicht und Besserverdiener" bezeichnen sich nur sieben Prozent. Als „Rechtsliberale" vier und als „Leute mit starker Linksorientierung" gar nur drei Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2010)