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Die Ängste der Christen

Für Irritation sorgen bei der dominierenden religiösen Gruppe vor allem muslimische Zuwanderer.
Für Irritation sorgen bei der dominierenden religiösen Gruppe vor allem muslimische Zuwanderer.(c) Clemens Fabry
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Westeuropas Christen suchen eine nationale Orientierung, wollen die Einwanderung reduzieren und zeigen insgesamt weniger Toleranz als konfessionslose Bürger.

Wien/Washington. Die meisten Westeuropäer betrachten sich selbst als Christen, auch wenn sie selten oder gar nicht in den Gottesdienst gehen. Trotz Zuwanderung bilden sie mit 71 Prozent die klare Mehrheit in der Gesellschaft. Diese Dominanz trägt aber nicht zu ihrem Sicherheitsgefühl bei. Im Gegensatz zu Konfessionslosen fürchten sie stärker die Zuwanderung aus anderen Kulturen und zeigen mehr Hang zur nationalen Abgrenzung. Das geht aus einer Studie des privaten US-amerikanischen Meinungsforschungsinstitut Pew Research hervor. Befragt wurden Bürger aus 15 westeuropäischen Ländern, darunter Österreich.

„In Westeuropa äußern sowohl praktizierende als auch nicht praktizierende Christen eher als konfessionslose Erwachsene ablehnende Einstellungen gegenüber Einwanderern und Minderheiten“, heißt es in der Studie, die am Dienstagabend vorgestellt wurde. Während 18 Prozent der Bürger ohne Bekenntnis die Einwanderungen reduziert sehen möchten, sind es bei den praktizierenden Christen 40 und bei den nicht praktizierenden Christen 37 Prozent. Im Fall von Österreich treten sogar 54 Prozent der praktizierenden Christen für eine Eindämmung der Zuwanderung ein. Insgesamt bekannten sich in Österreich 28 Prozent als praktizierende und weitere 52 Prozent als nicht praktizierende Christen.

Für Irritation sorgen bei der dominierenden religiösen Gruppe vor allem muslimische Zuwanderer. Rund die Hälfte sieht den Islam „grundsätzlich nicht mit ihrer nationalen Kultur und ihren nationalen Werten vereinbar“. Fast ein Drittel der befragten Christen in Westeuropa ist zudem nicht bereit, Muslime als Familienmitglieder zu akzeptieren. Bei Konfessionslosen sind es gerade einmal elf Prozent. Auch im Falle von Juden ist die Bereitschaft bei Christen deutlich geringer als bei jenen ohne Glaubensbekenntnis, diese in einer gemeinsamen Familie zu akzeptieren.

Überraschend hoch ist auch die nationale Identität der Christen. 54 der praktizierenden und 48 Prozent der nicht praktizierenden Christen stimmten der Aussage zu: „Unser Volk ist nicht perfekt, aber unsere Kultur ist anderen überlegen.“ Hingegen stimmten nur 25 Prozent der Konfessionslosen diesem Statement zu.

Außerdem neigen Christen laut der Studie dazu, die nationale Identität mit der Abstammung gleichzusetzen. 72 Prozent der praktizierenden und 52 Prozent der nicht praktizierenden Christen halten die Abstammung als wichtige Voraussetzung, um Bürger des eigenen Landes zu sein. In Österreich sind sogar 74 Prozent der in der Kirche aktiven Christen dieser Ansicht. Besonders stark wird der Zusammenhang zwischen Abstammung und Nationalität bei den Christen in Portugal und Italien hervorgehoben.

 

Mehrheit für Abtreibung

Kurz nach dem Referendum in Irland, bei dem die Abtreibung legalisiert wurde, wird auch mit der Pew-Research-Studie deutlich, dass die Zustimmung zum Schwangerschaftsabbruch unter Christen ein großes Maß erreicht hat. So heißt es in der Auswertung: „Die überwiegende Mehrheit der nicht praktizierenden Christen (85%) ebenso wie die Mehrheit der Konfessionslosen (87%) befürworten legale Abtreibung.“ Bei den praktizierenden Christen sind es in Westeuropa 52 Prozent. Ähnlich klar ist insgesamt auch die Befürwortung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Wobei hier die praktizierenden Christen mit 58 Prozent Zustimmung nach wie vor die kritischste Gruppe bilden.

Insgesamt wurden für die Studie 24.599 Personen zwischen April und August 2017 telefonisch befragt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2018)