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Viel Crime und wenig Sex

Kritik Bildstarke Formate, die nachdenklich stimmen: Die Wiener Festwochen zeigen „La Plaza“ und „Häusliche Gewalt“.

Ein Blumenmeer bedeckt die Bühne des Akzenttheaters, eine Stimme spricht von einer Aufführung, die 365 Tage lang rund um den Globus stattfindet. Nun ist sie vorbei. Der Ich-Erzähler geht hinaus und reflektiert, über Islamophobie, seine sexuellen Gewohnheiten, seine Freundschaften. In „La Plaza“ übernehme er „keine Verantwortung für die Dinge, die das Stück verhandelt“, schreibt Pablo Gisbert im Programm. Mit Tanya Beyeler betreibt er die Gruppe El Conde de Torrefiel, Gisbert stammt aus Valencia, Beyeler ist Schweizerin. Die zwei erkunden sozusagen der Vernunft unzugängliche Gebiete wie das Gemüt, Anarchismus, Terrorismus („Guerilla“ war beim Steirischen Herbst zu sehen).


Wirrsinn im Kopf. Die bei Medien verpönte Text-Bild-Schere, das heißt, Bild und Text passen nicht zusammen, ist bei El Conde de Torrefiel ein Arbeitsprinzip. Man sieht Musliminnen und andere Stadtbummler – und lauscht den schrägen Assoziationen des Erzählers von Wagner bis Bob Marley, von Caravaggio bis „Matrix“. Die Gesichter der Figuren verdecken Strumpfmasken. Auf dem Platz des Lebens herrscht Unwägbarkeit, wer wer wirklich ist, bleibt häufig verschwommen. Einige flohen diese Aufführung, die Gesetze des Theatralen (Action!) ignoriert und in der blitzdumme Sprüche vorkommen: „Intelligenz macht einen zu einem verdorbenen Menschen, der nur seinen Vorteil sucht.“

Freilich, der „Fluss der Gedanken durch den Kopf“ (Peter Rosei) bringt eben auch Blödsinn hervor. Nicht umsonst warnt etwa der Talmud: „Achte auf deine Gedanken . . .“ „La Plaza“ handelt vom öffentlichen Platz, den Peter Handke in „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ so wunderbar und stumm bevölkerte. Heute gibt es den Marktplatz auch im Internet. Auf Plätzen geht's rund, es herrschen Chaos und Getöse. Wechsel in die Gösserhallen, die sich zu einem feinen, urbanen Ort entwickelt haben. Hat Festwochenchef Tomas Zierhofer-Kin recht mit seinem niederschwelligen, Kultur und Geselligkeit, Party verbindenden Konzept?

„Häusliche Gewalt Wien“ vom bildenden Künstler Markus Öhrn aus Schweden wird von wienerisch anmutender Klaviermusik begleitet, könnte aber überall stattfinden. Auch hier gibt es Masken, ein Mann und eine Frau tragen sie, unförmige, hässliche Riesenschädel mit verzerrten Zügen, was natürlich Absicht ist. Der Mann kommt von Arbeit und Sport heim, die Frau hat sich für ihn hübsch gemacht, sie trägt ein rotes Kleid und hochhackige Schuhe, die beiden sind anscheinend ein junges Liebespaar, sie schmusen, sie lesen Magazine im Bett, er massiert ihr die Füße. Dann prügelt er ihr den Pappmaché-Kopf weg. Die beiden leeren Rotwein in sich hinein, und er wird immer gewalttätiger.


Quälende Zeitlupe. Die Aufführung geht in quälender Zeitlupe vor sich, eine Endlosschleife von Grausamkeit und Wiederannäherung. An der Wand sind Statistiken über häusliche Gewalt nachzulesen, die, wenig überraschend, daran erinnern, dass häusliche Gewalt vorwiegend Männer verüben. Man hat hier reichlich Zeit, sich vorzustellen, wie entsetzlich es ist, wenn Familien sich über Jahre oder gar Jahrzehnte vor dem Heimkommen des Vaters fürchten, aber es nicht wagen zu flüchten.

„Häusliche Gewalt“ und „La Plaza“ bieten einen Kontrast zur schnellen Medienrealität und sind spannende Versuche, die konventionelle Dramaturgie zu durchbrechen und das Publikum zum Innehalten, Nachdenken zu zwingen – was ja eine zentrale Funktion der Kunst ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2018)