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Deutsche Kirche: Missbrauchsskandal weitet sich aus

Das Kloster Ettal
(c) APN (Christof Stache)
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Im Kloster Ettal wird die Zahl der Opfer inzwischen auf 100 beziffert. Zudem soll es auch bei den Regensburger Domspatzen fünf Missbrauchsfälle gegeben haben.

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Deutschlands nimmt immer größere Dimensionen an und offenbart dabei zunehmend erschütternde Details. Im Kloster Ettal wird die Zahl der Opfer brutaler Gewalt und sexueller Übergriffe inzwischen auf 100 beziffert. Zudem soll es Anfang der 60er Jahre auch bei den weltberühmten Regensburger Domspatzen fünf Missbrauchsfälle gegeben haben. Wie das Bistum am Freitag mitteilte, meldete sich ein mutmaßliches Opfer bei der für sexuellen Missbrauch zuständigen Diözesanbeauftragten, ein zweites habe diesen Schritt angekündigt.

Aktuelle Missbrauchsfälle schloss Bistumssprecher Clemens Neck aus. Der Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, war ab 1964 Domkapellmeister und damit Chef der Domspatzen. Dem Bayerischen Rundfunk sagte er, ihm seien keine Missbrauchsfälle bekannt. Neck sagte auf die Frage, ob bei den Ermittlungen auch der Papstbruder befragt werden solle: "Wir sprechen mit allen Menschen, die uns weiterhelfen könnten."

Der Skandal um das Kloster Ettal erreichte am Freitag eine neue Dimension. Der externe Ermittler Thomas Pfister berichtete, in einem aktuellen Fall habe ein Klostermitglied gestanden, Kinderpornos aus dem Internet heruntergeladen und früher Fotos halbnackter Schüler ins Internet gestellt zu haben. Hier ermittle die Staatsanwaltschaft.

Massenbestrafungen für Nichtigkeiten

Auch die Zahl der Opfer gewalttätiger Patres im Internat ist deutlich gestiegen. Inzwischen liegen Pfister Hinweise auf rund 100 Betroffene vor. Meist gehe es um Schläge und andere Bestrafungen. Früher hätten deutlich mehr als zehn Patres systematisch geprügelt. Der Ermittler zitierte Opfer, die von "voll durchgezogenen" Schlägen oder Massenbestrafungen für Nichtigkeiten und anderen massiven Vergehen berichteten.

Der Verwaltungsleiter des Klosters, Pater Johannes Bauer, räumte auf der Pressekonferenz ein, selbst in den 80er Jahren zugeschlagen zu haben. Er habe Kinder mit der Hand, aber auch mit einem Bügel verprügelt.

Auch Mönche missbraucht?

Zudem wurden möglicherweise nicht nur Schüler zu Opfern. Pfister sagte, er sei seit kurzem mit einem ehemaligen Klostermitglied in Verbindung, das den Vorwurf erhebe, als Mönch in Ettal von Mitbrüdern missbraucht worden zu sein.

Da die allermeisten Fälle lange zurückliegen - Pfister sprach von einer Zäsur im Jahr 1990 - ist vieles verjährt. Derzeit ermittle die Staatsanwaltschaft in drei Fällen: Möglichem sexuellen Missbrauch aus dem Jahr 2005, der Kinderpornografie und einem Fall aus dem Jahr 2009, in dem ein Lehrer zwei jungen Schülern Kopfnüsse gegeben haben und einem von ihnen auf den Zeh getreten sein soll.

Im Zusammenhang mit dem letzten Fall kam es in der Pressekonferenz zum Eklat: Der kommissarische Schulleiter erklärte, die Kopfnüsse seien nur leicht und mehr zum Spaß gewesen. Pfister widersprach ihm entschieden und warf ihm Vertuschung vor.

Ebenfalls am Freitag wurden mutmaßliche Missbrauchsfälle aus dem Bistum Fulda bekannt. Dort werden ein Priester, ein Lehrer und ein ehrenamtlicher Mitarbeiter eines Jugendverbandes beschuldigt, sich an Minderjährigen vergriffen haben.

Wie die Nachrichtenagentur AP aus Vatikankreisen erfuhr, nimmt der Heilige Stuhl den Missbrauchsskandal in Deutschland sehr ernst. Der Vatikan erwäge ernsthaft, einer Bitte aus Ettal nachzukommen und einen päpstlichen Gesandten nach Ettal zu schicken, verlautete aus informierten Kreisen. Eine offizielle Stellungnahme gab es nicht.

Die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" forderte in der "Leipziger Volkszeitung", es müsse "endlich die Systemfrage gestellt werden, wie so etwas möglich sein konnte und warum es so lange verschwiegen wurde". Die immer neuen Details machten deutlich, dass es längst nicht mehr nur um Einzelfälle gehe".

((APA/apn))