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Ulrike Lunacek: „Ich verstehe Glawischnig nicht“

Als Spitzenkandidatin führte Ulrike Lunacek die Grünen im Herbst in ein Wahldebakel. Seither ist die frühere Europa-Abgeordnete als Autorin, Schirmherrin und Lehrbeauftragte tätig. Nun bewirbt sie sich als Wahlbeobachterin.

Wie gehe ich mit Krisen richtig um? So lautet eine Frage, die sich die Grünen seit Oktober des Vorjahres stellen müssen. Nach 31 Jahren misslang der Partei bei der Nationalratswahl der Wiedereinzug in das Parlament. Mitarbeiter wurden gekündigt, Büros geräumt. Einen Teil der Verantwortung für das Debakel hat Ulrike Lunacek zu schultern. Die langjährige Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments war nach dem Rücktritt von Eva Glawischnig als Spitzenkandidatin eingesprungen – und verlor die Wahl. Umgehend legte sie alle politischen Funktionen zurück, verschwand aus der Öffentlichkeit. Vermisst wird sie in der Partei seither kaum.

Hie und da gebe es Kontakt, sagen mehrere Parteimitglieder. Dort ein Telefonat, da ein Treffen. Eine Rückkehr? „Wozu?“, lautet die Gegenfrage von vielen, die derzeit an der Neustrukturierung arbeiten. Auch Lunacek selbst, die gerade ein halbes Jahr „Visiting Fellow“ am Institut für die Wissenschaft vom Menschen war, schließt eine solche aus. „Ich vermisse den ständigen Stress nicht, das ständige rasche Antworten geben müssen“, sagt sie. Wohl aber „schmerzt“ sie das „jetzige Oppositionsvakuum“ und nährt ihre Hoffnung auf einen „gelingenden grünen Neustart“.

Einen solchen kann sie durchaus für sich verbuchen: Seit dem Sommersemester ist die 61-Jährige als externe Lehrbeauftragte am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien unter Vertrag. In einer Übung unterrichtet sie „Public Affairs und Kommunikation in der EU“. Den Grünen Kommunikationstipps ausrichten, will die Kremserin dennoch nicht. Auch ihrer früheren Chefin hat sie nichts zu sagen: „Warum Eva Glawischnig zu Novomatic ging? Ich verstehe es nicht.“

„Pilz fehlt das Korrektiv“

Für einen ehemaligen Wegbegleiter hat Lunacek indes durchaus eine Antwort parat: „Falls sich Peter Pilz fragt, warum ihm die Felle davon schwimmen, so möchte ich einen Journalisten zitieren, der meinte: Pilz fehlt das Korrektiv der Grünen.“ An Türkis-Blau gewandt meint sie: „Österreich hätte etwas Besseres verdient als Einsparungen bei Frauen, Gewaltopfern, der Gesundheitsversorgung und den Rausschmiss von Asylwerbern, die eine Lehre machen und die die Wirtschaft dringend braucht.“

Abgesehen von ihrem Lehrauftrag betätigte sich Lunacek zuletzt als Autorin. Gemeinsam mit ihrem früheren Pressesprecher Wolfgang Machreich gab sie im Februar – pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit des Kosovo – das Buch „Frieden bauen heißt weit bauen“ heraus. Darin finden sich Berichte über und Anekdoten aus Lunaceks achtjähriger Arbeit als Kosovo- Berichterstatterin des Europaparlaments. Es folgten Lesereisen nach Deutschland, Wien und Graz. Aktuell sucht die ausgebildete Dolmetscherin nach Finanzierungsmöglichkeiten für die Übersetzungen ins Albanische, Englische und Serbische.

Mitte August verbrachte Lunacek einige Tage im irakisch-kurdischen Erbil, um im Rahmen des Projekts „Frauen denken den Irak neu“ ein Seminar über parlamentarisches Arbeiten für weibliche Abgeordnete und Vertreterinnen der Zivilgesellschaft aus allen ethnischen und religiösen Gruppen des Irak zu halten. „Bisher durften Frauen nicht am Sicherheits- und Verteidigungsausschuss des Parlaments teilnehmen, ein Gesetz gegen häusliche Gewalt liegt seit Jahren in den Schubladen – ich will sie unterstützen, beides umzusetzen“, sagt Lunacek. Dem Thema Frauen(rechte), das Lunacek seit ihren politischen Anfängen begleitet – vor 40 Jahren war sie am Aufbau des Tiroler Frauenhauses beteiligt – nimmt sie sich auch im Rahmen des Projekts „Gewaltfrei leben“ an: Die österreichische „Allianz“ machte sie zu dessen Schirmherrin. Nach wie vor agiert Lunacek als Obfrau der „Frauensolidarität“, einer Organisation, die sich mit Frauen- und Entwicklungspolitik mit dem globalen Süden beschäftigt und seit knapp vier Jahrzehnten das gleichnamige Magazin herausbringt. „Dem nun das Frauenministerium das Geld gekürzt hat“, beklagt sie. „Ich habe den Eindruck, Türkis-Blau will kritische, feministische Initiativen zum Schweigen bringen.“

Leitung von Wahlbeobachtungen?

Lunacek hat sich auch um die Leitung von Wahlbeobachtungen von ODIHR, dem „Office for Democratic Institutions and Human Rights“ der OSZE beworben. Konkret: Für die Leitung der Election Assessment Mission (Expertenmission) in Lettland für die Wahl am 6. Oktober. Sollte sie dafür ausgewählt werden – die Entscheidung wird am Montag bekanntgegeben –, wird ihre im Wahlkampf 2017 ausgegebene Ankündigung, in Peru leben und Bücher von Spanisch auf Deutsch übersetzen zu wollen, ebenso in die Ferne rücken, wie das Ziel eines gemeinsamen Dauerdomizils mit ihrer Lebensgefährtin Rebeca Sevilla. „Wir führen seit 25 Jahren eine Fernbeziehung zwischen Brüssel, Lima, Wien – das wird wohl noch eine Weile so bleiben“, lacht sie.

[ORHMG]