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Die blanke Angst vor dem vierten Gaza-Krieg

Nach der blutigen Eskalation in den vergangenen Tagen verkündeten Palästinensergruppen eine Feuerpause. Israel antwortete darauf vorerst nicht.

Jerusalem. Die Sorge bezüglich eines neuen Krieges im Nahen Osten wächst: Nach mehr als 400 Raketenangriffen radikaler palästinensischer Gruppen bereitet sich Israels Armee auf eine mögliche Bodenoffensive im Gazastreifen vor. „Wir sind auf dem Höhepunkt einer groß angelegten Mobilmachung“, erklärte am Dienstag Brigadegeneral Ronen Manelis, Sprecher der Armee. In der Region, die an den Gazastreifen grenzt, werde man Infanteriesoldaten stationieren.

Vorläufig beschränkt sich Israel auf Angriffe der Luftwaffe und der Marine, die auf Einrichtungen der Hamas zielen. Insgesamt sind seit Sonntag zwölf Palästinenser in Gaza ums Leben gekommen. Auf israelischer Seite gab es einige Dutzend Verletzte und einen Toten in der Stadt Ashkelon: Es handelt sich um einen Palästinenser aus Hebron, der in Israel arbeitete. Er wurde von einer Rakete getroffen.

 

Israel warnte TV-Mitarbeiter

Um zivile Opfer in Gaza zu vermeiden, warnt die Luftwaffe die Bevölkerung unter anderem mit kleinen Raketen, die nicht mit Sprengstoff bestückt sind, bevor sie die Häuser bombardiert. Mitarbeiter des TV-Senders Al-Aksa informierte Israel telefonisch, bevor die Armee das Gebäude bombardierte. So konnten die Angestellten des Senders das Gebäude rechtzeitig verlassen. Al-Aksa-Television nahm dann nach einer kurzen Pause den Betrieb wieder auf und sendete Archivaufnahmen zu martialischer Musik.

An einem Krieg wie vor vier Jahren scheint jedoch niemand interessiert zu sein: Die Hamas und andere Palästinensergruppen zeigten sich gestern zu einer Feuerpause bereit – sollte Israel die Angriffe stoppen. Von israelischer Seite gab es zunächst keine Stellungnahme. Ägypten habe die Rückkehr zu einer entsprechenden Vereinbarung vermittelt, teilten die Hamas und andere militante Palästinenserorganisationen in Gaza am Dienstag mit. Zuvor hatte die Hamas noch gedroht, die Städte Ashdod und Beersheva anzugreifen.

 

Fataler Geheimeinsatz der Armee

Es handelt sich um die gefährlichste Eskalation seit 2014. Der Gaza-Krieg kostete damals rund 2000 Palästinenser das Leben, darunter zahlreiche Zivilisten. Auf israelischer Seite gab es 67 Tote. Fast zwei Monate dauerten die Gefechte, die letztendlich an den Machtverhältnissen nichts veränderten. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hielt bisher dem Druck seiner Koalitionspartner stand: Verteidigungsminister Avigdor Lieberman forderte wiederholt ein massiveres militärisches Vorgehen gegen die Islamisten in Gaza. Der Premier hingegen setzte auf die Vermittlungsanstrengungen des ägyptischen Geheimdienstes.

Weil sich Israel und die Hamas gegenseitig boykottieren, bemüht sich Kairo mit Unterstützung des UN-Sondergesandten Nikolaj Mladenow um Vermittlung. Ziel ist eine Verbesserung der Lebensumstände im Gazastreifen – im Gegenzug für Ruhe im Grenzgebiet. Erst am Wochenende schien eine Einigung in greifbarer Nähe zu sein, als Netanjahu dem Transfer von 15 Millionen Dollar zustimmte – Spendengelder aus Katar für die Menschen im belagerten Gazastreifen. In Aussicht gestellt wurden zudem die Wiederaufnahme der Importe von Treibstoff und Strom, Einreisegenehmigungen für palästinensische Arbeiter und ein Wiederaufbauprogramm, inklusive der Schaffung von rund 30.000 Arbeitsplätzen.

Grund für die jüngste Eskalation ist ein fehlgeschlagener Geheimeinsatz der israelischen Armee im Gazastreifen. Die verdeckte Einheit wurde von militanten Hamas-Kämpfern enttarnt, es kam zu einem heftigen Feuergefecht. Ein Hamas-Kommandant und ein israelischer Offizier kamen ums Leben. „Was war so dringend, um gerade jetzt eine geheime Einheit zu schicken?“, kritisiert die israelische Friedensinitiative Gusch Schalom die Operation der Elitesoldaten in Gaza. Hamas-Funktionär Mussa Abu Marsuk sieht die „israelische Aggression“ als Beweis dafür, dass „die israelische Besatzung keine Vereinbarungen einhält“.

 

Vermittlerdelegation in Gaza erwartet

Die Eskalation sei „extrem gefährlich und waghalsig“, twitterte Mladenow und setzte hinzu, dass der Raketenangriff aufhören müsse. Am Mittwoch wird eine Delegation der Vermittlerparteien in Gaza erwartet.

Für Israelis, die nahe der Grenze leben, und für Palästinenser aber herrscht schon jetzt Krieg. Die Armee rief dazu auf, in der Nähe der Bunker zu bleiben. Die Schulen sind auch in nördlicher gelegenen Städten geschlossen, sogar in Beersheva fiel der Unterricht an der Ben-Gurion-Universität aus.

Auf einen Blick

Palästinensische Raketen auf Israel und Angriffe der israelischen Armee im Gazastreifen nähren die Angst vor einem neuen Krieg. Seit Montag sollen militante Palästinenser rund 400 Geschosse abgefeuert haben – die intensivsten Angriffe seit dem Gaza-Krieg 2014. Israel reagierte mit Attacken auf mehr als 100 militärische Ziele. Seit Sonntag starben zwölf Palästinenser und ein Israeli. Die radikalislamische Hamas kontrolliert den Gazastreifen seit 2007. Israel hat eine Blockade verhängt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2018)