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Der Charme des Dialekts

Liedermacherin Sigrid Horn, hier im Caf´e Heumarkt. Ihr Debüt erschien auf Ernst Moldens neu gegründetem Label.
Liedermacherin Sigrid Horn, hier im Caf´e Heumarkt. Ihr Debüt erschien auf Ernst Moldens neu gegründetem Label.(c) Clemens Fabry

Sigrid Horn hat sich über den Protest-Song-Contest in die Musikszene gesungen. Mit „Sog i bin weg“ legt sie ein berückend schönes Debütalbum vor.

„Deck mi zua, i leg mi in dreg, waun ana frogd, wo i bin, sog, i bin weg“, schlägt die helle Stimme gleich im ersten Lied recht Düsteres vor. Das erinnert an das Diktum des großen, amerikanischen Singer-Songwriters Tom Waits, der einst sagte: „I like beautiful melodies, telling me terrible things.“

Das schwindelerregende, karg instrumentierte Stück heißt „Woiza“. Es eröffnet „Sog i bin weg“, das Debütalbum der 28-jährigen Mostviertler Sängerin Sigrid Horn. Sie will es aber nicht allzu pessimistisch gedeutet wissen. „Es geht mehr um die Grundstimmung eines „Wegwollens“. „Woiza“ kann man auch sehr positiv sehen, indem man es als Lied interpretiert, das das Sichfallenlassen feiert“, sagt sie im Gespräch mit der „Presse“ im herrlich abgeschabten Ambiente des Café am Heumarkt.

Mostviertler Vokalfärbungen

Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein, und sie ist es auch ein wenig in den Liedern von Mademoiselle Horn. Sie atmen den Geist der Siebzigerjahre, erzählen von Privatem, meinen aber durchaus auch Politisches mit. Im zarten Alter von sechs Jahren hat Horn ihr erstes Lied ersonnen. Es war eine Hommage an den nigerianischen Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa. Wie das kam? Miguel Horn, ihr Herr Papa, ist Bildhauer und hat damals eine Ausstellung zu diesem Thema gemacht. „Sonst wäre ich wohl nicht darauf gekommen“, lacht sie. „Ich habe immer noch die Melodie und den Text im Kopf. Eines kann ich sagen, es war nicht die beste Komposition.“

Aber bloßer Kinderkram war es auch nicht. Immerhin wurde Horn schon früh, weil der Vater in Chile aufwuchs, mit den politischen Folksongs von Violeta Parra und Victor Jara sozialisiert. „Von den Harmonien her und meiner Art des Textens waren beide total wichtig für mich,“ sagt sie, die auf ihrem Album strikt Mostviertlerisch singt. Der Dialekt hat den Vorteil, sagt sie, dass sich „beim Singen mehr Möglichkeiten bei den Vokalen und Konsonanten bieten als im Standarddeutsch. „Der mostviertlerische Sound sorgt für einen anderen Stimmsitz, für andere Vokalfärbungen.“

Im Gespräch schwärmt sie zudem von der sanften Landschaft um Neuhofen an der Ybbs, wo sie trotz aller duftenden „Öpfebam“ und „Mostbianblia“ ein Gefühl von Fremdheit in der Heimat entwickelte, schlicht, weil ihre Eltern Zugezogene waren. Der Nebel, von dem im Lied „Kassandra“ die Rede ist, das ist der berühmte „Mostviertler Nöwi“. In diesem haben sich ihre Vorlieben langsam gelichtet. Mit Schulfreunden gründete sie die Band Wosisig (Was ich sehe) und nahm viermal am Wiener Protest-Song-Contest teil. Erfolgreich, aber nicht siegreich. Das wusste kurioserweise der als Juror agierende Ernst Molden zu verhindern. „Das braucht ihr nicht“, befand er und nahm jüngst Horn für sein frisch gegründetes Label BaderMolden unter Vertrag.

Seit fast zehn Jahren lebt Horn in Wien, hat hier studiert und sich politisiert, obwohl ihre Altersgenossen- und -genossinnen als recht resignativ gelten. Ist ihre Generation tatsächlich eher apathisch? Horn bejaht. „Ich war aktiv in der ÖH. Dort musste ich bemerken, dass, obwohl wir rannten, taten und machten, das Schiff irgendwie in eine andere Richtung abdriftete. Ich glaube, man muss trotzdem positiv eingestellt sein und für seine Utopie kämpfen. Jetzt passiert wenigstens etwas. Es gibt die Donnerstagsdemonstrationen.“

Dort wird sich schon so manche „Oma gegen rechts“ darüber gewundert haben, wie die Jungen ihre Protesthaltung zu Produkten machen. Horn findet das dort angebotene Merchandising einen interessanten Aspekt der allgegenwärtigen Ökonomisierung aller Lebensbereiche. „Wenn meine Generation etwas kann, dann ist das, dass sie sich in alle Richtungen vermarkten kann.“ In eigener Sache ist Horn aber keineswegs marktschreierisch. Sie will die Karriere langsam angehen lassen. Mit „Sog i bin weg“ ist ihr ein idealer Auftakt gelungen. Das Album leistet genau das, was sich Horn von guter Musik erwartet. „Sie muss mich auf schöne Art erschüttern. Es muss mich einfach durchbeideln.“

ZUR PERSON

Sigrid Horn, geboren 1990, ist im Mostviertel aufgewachsen und war jahrelang Frontfrau von Wosisig. Sie ist regelmäßig Gastsängerin der Wiener Band Dritte Hand. „Sog i bin weg“ ist ihr Solodebütalbum.

Web: www.badermolden.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2018)