Menasse und die Kunst der widerrufenen Entschuldigung

Eine Lesung von Robert Menasse am Freitag 09 03 2018 im Konferenzgebaeude des Saarlaendischen Rundf
imago/Becker&Bredel

Kolumne „Man“ wolle Robert Menasse „vernichten“, schreibt seine Halbschwester. Sie hat teilweise Recht, aber etwas Wichtiges dabei vergessen.

Früher hätte man in so einem Fall über ihren Bruder gespottet – „heute will man ihn vernichten“: So schreibt Schriftstellerin Eva Menasse in der „Süddeutschen Zeitung“ über ihren Halbbruder, der den Politiker Walter Hallstein auch abseits fiktionaler Texte falsch zitiert und behauptet hat, dieser habe seine Antrittsrede als EU-Kommissionspräsident in Auschwitz gehalten.

Vernichten, solch ein Wort zwei Absätze nach der Erwähnung von Auschwitz! Man könnte Eva Menasse daraus einen Strick drehen (und der „Presse“ für die Strick-Metapher gleich auch). Denn im derzeit ausufernden öffentlichen Kampf um Worte geht es nicht darum zu verstehen, was der andere (sprich, Gegner) meint, sondern nur darum, dessen Worte in eigene Munition umzuschmieden. Wer Eva Menasse aber nicht böswillig deuten will, weiß, was sie meint: Man wolle ihren Bruder als Autor und öffentliche Person unmöglich machen.

Wer ist „man“? Tatsächlich gibt es die von ihr kritisierten „sogenannten Qualitätsmedien“, die Menasse in den vergangenen Wochen ohne Grundlage der „Fälschung“ ziehen, also absichtlicher Täuschung. Von prominenten Figuren und Medien wurde der Autor „mies, hinterfotzig, obszön“ (Henryk Broder), „Psychopathologe“ („FAZ“), „Lügner“ („The European“) genannt. Eva Menasse hat recht, das ist grausig. Ähnlich unbegründet ist der Vorwurf „postfaktischer Geschichtsschreibung – hier ist nichts „nach“, nur schlicht daneben. Und das hat nichts mit Fake News, nichts mit neuen Verschwörungen gegen das Faktische zu tun.

Eher wohl mit einem alten Typus, dem sich als moralisch-geistige Instanz fühlenden und gehandelten Intellektuellen. Dessen Vertreter richteten oft rasch über alle(s), außer über sich selbst. Sie stellten auch keineswegs nur zugunsten der Idee das „Wörtliche“ hintan (wie Menasse jetzt von sich behauptet). Vielmehr gingen sie mit allem selbstherrlich um: mit Worten, Fakten und Ideen.

Was Eva Menasse nämlich nicht erwähnt, ist, dass ein Gutteil des medialen Ärgers nicht Menasses Fehler betraf, sondern seine Reaktion darauf (etwa in der „Presse“ vom 5. 1.): vom „Was kümmert mich das Wörtliche?“ und dem ironisch vernebelnden „Armer Walter Hallstein . . .“ bis zur angeblich „künstlichen Aufregung“ um „Fußnoten“, die nur vom „wissenschaftlichen Standpunkt“ aus anfechtbar seien. Ein politischer Essay wie „Der europäische Landbote“? Ach ihr naiven Leser, dafür gelten die Gesetze der Dichtung . . .

Kurz, keine Entschuldigung ohne eingebauten Widerruf – mit Ausnahme einer Stellungnahme von 8. 1., die Menasse wohlgemerkt nicht allein veröffentlichte, sondern gemeinsam mit Malu-Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. (Dort bekommt Menasse am 18. Jänner die Carl-Zuckmayer-Medaille verliehen).

Eva Menasse hingegen vernebelt bei aller Verteidigung nichts, nennt ihren Bruder „schlampiger Zitierer“, „manchmal in seine Thesen verliebter Luftikus“. Hätte gleich sie statt seiner auf die Vorwürfe geantwortet – er hätte wohl mehr Verteidiger gefunden.

anne-catherine.simon@diepresse.com