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Der neue James Blake: Ein Pop-Engel verlässt den Äther

James Blake: "Assume Form". Polydor/Universal
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KritikEr wolle jetzt Form annehmen, singt der britische Elektronikmusiker James Blake auf seinem dritten Album "Assume Form", das so nervend wie faszinierend ist.

„Eine nicht nur sehr englische, sondern vor allem engelhafte Erscheinung“: So beschrieb „Die Presse“ 2013 einen Auftritt des Londoners James Blake (beim Frequency-Festival). Tatsächlich, Blake, damals 24 Jahre alt, hatte etwas Ätherisches, seine Stimme klang geschlechtslos; und wenn er nun erklärt, er habe auf seinen bisherigen drei Alben über seine Erfahrungen mit „modern-day masculinity“ gesprochen, darf man sagen: Von der „toxischen Männlichkeit“, wie man heute gern abfällig sagt, war bei ihm nichts zu spüren, er wirkte testosteronfrei, mehr noch: stofflos, willenlos, formlos.

Nun nehme er Form an, singt er schon im ersten Song programmatisch: „I will assume form, I'll leave the ether. I will be touchable.“ Kommentiert wird diese Ankündigung von einem seltsamen Chor: Wie brabbelnde Babystimmen klingt er. Oder sind es die anderen Engel, deren Reich der Sänger nun verlässt? Und was ist dieses Klappern, Ticken, Surren? Himmlische Gelsen?

Nein, James Blake ist nicht zum Macho, nicht zum Rocker geworden, er fordert nichts. Oder doch? „I'm gonna say what I need“, erklärt er in „I'll Come Too“, „if it's the last thing I do.“ Seine Stimme hat ein wenig Körper angenommen, sie klingt meist ziemlich nasal, wirkt zwar nicht aufbegehrend, aber wenigstens manchmal quengelig.

Oder klagend. In diesem Modus leistet ihm das Autotune-Gerät, ohne das im Pop heute fast keine Stimme mehr davonkommt, gute Dienste, es lässt alles an ihm vorübergleiten, Welt, Leben, Liebe.

 

Erinnerung an Roy Orbison

Und manchmal ist dieser Fluss sogar angenehm, in „Can't Believe The Way We Flow“ etwa, das seltsam altmodisch klingt: Die Melodie erinnert an John Lennons „Jealous Guy“, der Chor an den Song „Lonely“ des früh verstorbenen Rock'n'Rollers Eddie Cochran, der Gesangsstil an Roy Orbison, den Urvater der Schmerzenssänger. Bevor er in diesen warm-nostalgischen Fluss der Harmonien steigt, muss Blake freilich leiden: unter zerrissenen Geräuschen, schroffen Kinderstimmen, die ihn zweifeln lassen. Und kaum fühlt er sich im Bad wohl, reißt ihn ein Mittelteil heraus: in die Einsamkeit, in der die Todesangst zum letzten Du wird, während die Stimmen ihn wieder höhnen . . .

Natürlich, er steht noch immer draußen. „The world has shut me out“, singt er im vorletzten Song „Don't Miss It“, begleitet von singenden Sirenen (oder ist es ein Theremin?), aber dann kommt die solipsistische Wendung: „Everything is about me. I am the most important thing.“ Da scheinen sogar die Sirenen zu stocken, und dann fällt Blake mit künstlich zitternder Stimme in eine Art Rap, erklärt, was er alles tun könnte, was er alles vermeiden könnte. „I could leave in the middle of the night, but I'd miss it. Don't miss it.“ Während die Selbsterkenntnis zum Ratschlag wird, ändert sich sein Duktus vom Sprechgesang zum Gesang: hohe Nervenkunst der Selbstfindung!

Danach kann nur mehr ein Rückfall ins Allgemeine, Objektive folgen: in den Schlaf. Ein „Lullaby For My Insomniac“, strukturiert von anschwellenden, mönchisch anmutenden Chorstimmen, steht am Schluss dieses Albums, das so befremdlich wie berückend, so nervend wie faszinierend ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2019)