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Bérénice Hebenstreit inszeniert „Watschenmann“ von Karin Peschka

Vergangenheit. „Wir sollen uns von ihr nicht unabhängig fühlen“, sagt die Regisseurin Bérénice Hebenstreit.
Vergangenheit. „Wir sollen uns von ihr nicht unabhängig fühlen“, sagt die Regisseurin Bérénice Hebenstreit.(c) die Presse (Carolina Frank)
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„Die Hauptfigur Heinrich sucht nach dem Krieg in den Menschen“, erklärt die Regisseurin, die über den Tanz zum Theater kam.

Aus der Sprache ein Panorama der Nachkriegszeit erschaffen hat die oberösterreichische Autorin Karin Peschka in ihrem Roman „Watschenmann". Die ehemalige Sozialarbeiterin, die Alkoholkranke und arbeitslose Jugendliche betreut hatte, bekam für ihr Buch den Wartholz-Literaturpreis. „Watschenmann", der Titel ist wohlbekannt. Man denkt an die große Puppe mit dem breiten Schädel im Prater, an der sich Menschen abreagieren konnten. Der Watschenmann ist aber im übertragenen Sinn auch ein armer Kerl, ein Verlierer. Und da kommen wir Peschkas Buch schon näher. Bérénice Hebenstreit, 1987 in Niederösterreich geboren, inszeniert die szenische Fassung von „Watschenmann" im Volx/Margareten für das Volkstheater. Hebenstreit hat Theater-, Film-und Medienwissenschaften studiert, in Wien und in Montréal. Hat sie schon mal den berühmten Watschenmann gehauen? „Ich habe ihn im Pratermuseum besucht", erzählt sie: „Ein kleines Museum, ich kann es sehr empfehlen."

Boxübungen. In ihrer Freizeit ist Hebenstreit Aktivistin bei der NGO Attac. Ist es ein gutes Gefühl, nicht nur verbal, sondern praktisch Globalisierungsgegnerin zu sein? „Ja", sagt sie mit ihrem feinen Lächeln. „Nein", antwortet sie auf die Frage, ob sie schon einmal verhaftet worden ist. Interessiert sie sich für Wirtschaft? „Ich lese viele Bücher über Wirtschaft. In der Politik und in den Medien wird wahnsinnig mathematisiert und getan, als könnte man schwer darüber sprechen, und alles ist alleinige Sache von Experten und Expertinnen. Die zentrale Frage aber bleibt, dient dieses Wirtschafts- und Finanzsystem der Mehrheit der Bevölkerung und der Zukunft? Das ist nicht der Fall."

Was ist für sie wichtig an Peschkas Buch? Hebenstreit: „Die Figur des Heinrich, gespielt von Katharina Klar, entzieht sich der Vergeschlechtlichung. Er ist 20 Jahre alt und hat sich dem widersetzt. Seine Geschichte ist nicht ganz klar. Das ist gut, weil die Zuschauer müssen die Bilder vervollständigen. Man ahnt, dass Heinrichs Vater, der Psychiater war, Kinder auf den Spiegelgrund geschickt hat, diese bekannte Wiener Anstalt für Euthanasie im Dritten Reich." Und Hebenstreit weiter: „In dem Roman geht es ganz generell um das Misstrauen, dass der Zweite Weltkrieg – viele hatten ja schon den Ersten Weltkrieg erlebt – 1945 wirklich vorbei ist. Viele glaubten nicht an die Behauptung, dass jetzt der Aufschwung kommt. Da ist aber diese Stimmung, es soll wieder alles schön werden und man möchte sich wieder mit Schönem beschäftigen." Freilich, vorderhand ist die Lage trist: „Eine der Figuren, Dragan", so erzählt Hebenstreit, „ist Boxer und verdient sein Geld damit. Heinrich provoziert immer wieder und wird zusammengeschlagen. Heinrich macht das absichtlich, weil, wie er sagt, er den Kriegswurm aus den Leuten herausholen will. Er hofft, die Prügel haben eine kathartische Wirkung, und bietet sich darum als Watschenmann an." Welche Erfahrungen hat Hebenstreit mit Boxen? Braucht man das bei Aktionen von Attac? „Ich boxe nicht. Aber das Ensemble und ich waren für das Stück im Boxtraining. Das war sehr spannend und sehr anstrengend." Wer hat gewonnen? „Es ging nicht ums Gewinnen, sondern um das Gefühl der Intensität des Schlagens, oder wie es ist, einen Hieb einzustecken." Was bedeutet für sie die Nachkriegszeit, ist das nicht nur mehr Schulstoff? Hebenstreit: „Wir haben die Weltkriege und was danach kam natürlich in der Schule durchgenommen. Ich gehöre zur Enkelgeneration. Ich habe Großeltern, die den Krieg in Wien erlebt haben, im ersten Bezirk. Sie sind jetzt 90 Jahre alt. Sie waren junge Erwachsene in der Besatzungszeit. Ich habe sehr viel mit ihnen gesprochen. Die Wahrnehmung des Kriegs ändert sich. Wir wollen uns mit der Vergangenheit nicht mehr beschäftigen. Wir wollen uns von ihr die Sprache nicht nehmen lassen. Ich finde es aber wahnsinnig wichtig, dass wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen und uns nicht unabhängig davon fühlen."

Sozialkritik. Mit Auskünften über ihre eigene Vergangenheit, abseits der Großeltern, ist Hebenstreit eher sparsam: „Die Kindheit sehe ich nicht als wichtig an für meine Berufswahl. Sie bietet kaum Hinweise auf mein Theaterschaffen." In Graz hat sie die Ortwein-Schule absolviert, die künstlerische Begabungen fördert. „Ich war öfter im Theater, aber vor allem habe ich zwei Jahre sehr intensiv getanzt. Ich bin übers Tanzen zum Theater gekommen. Ich hatte das Gefühl, dass ich Geschichten oder auch Themen besser über Raum und Körper als zweidimensional mit Zeichnen und Grafik verhandeln kann. Was ich am Theater toll finde, ist, dass man bei Proben und in der Aufführung gemeinsam mit den Mitwirkenden und mit den Zuschauern und Zuschauerinnen etwas entwickeln kann."

Im Volx/Margareten hat Hebenstreit 2017 „Superheldinnen" von Barbi Marković herausgebracht, eine Aufführung, die bei Publikum und Kritik gut ankam. Das Stück handelt von drei Frauen aus Ex-Jugoslawien, die in Wien im Prekariat leben, aber Zauberkräfte haben, mit deren Hilfe sie beschließen, „sich zu finanzstarken Konsumentinnen zu befördern", erläutert Hebenstreit: „Das ist ein witziger und sozialkritischer Kommentar zum Kapitalismus. Im Grund hat das Stück aber ein tristes Happy End." Was verbindet „Superheldinnen" und „Watschenmann"? „Ich interessiere mich für Figuren, die am Rande der Gesellschaft leben oder von dieser an den Rand gedrängt wurden," sagt Heben­streit. Wie steht es um den Feminismus? „Bestehende Errungenschaften können wieder infrage gestellt werden. Und weiterhin ist für viele Lebensbereiche entscheidend, welchem Geschlecht man zugeordnet wird. Zum Beispiel bei der Arbeit: Es gibt immer noch deutlich mehr Frauen in Teilzeitjobs als Männer, Erziehungs-und Pflegearbeit leisten auch Frauen. Wir müssten Arbeit und ihre Verteilung grundsätzlich neu denken." Wie steht es mit alternativen Lebensentwürfen? „Ich glaube, es ist schwieriger geworden, sie durchzusetzen. Aber das Wichtigste ist, sie überhaupt zu haben", davon ist Hebenstreit überzeugt.

Tipp

„Watschenmann". Nach dem Roman von Karin Peschka ab 31. Jänner im Volx/Margareten. Mit Katharina Klar, Rainer Galke, Birgit Stöger, Sebastian Klein.