Winkt der Oscar einem „Machwerk“?

Das ist nicht Gerhard Richter! Sondern Tom Schilling in „Werk ohne Autor“.
Das ist nicht Gerhard Richter! Sondern Tom Schilling in „Werk ohne Autor“.(c) Disney

Filmemacher Henckel von Donnersmarck unter Beschuss: Der Maler Gerhard Richter beklagt seine entstellte Biografie in „Werk ohne Autor“, der Dramatiker Christoph Hein hält sein Porträt in „Das Leben der Anderen“ für Unsinn. Zu Recht?

In Ordnung, man darf die Geschichte nicht ruhen lassen. Auch die Filmgeschichte nicht. Aber dieser Christoph Hein wirkt doch etwas nachtragend. Geschlagene 13 Jahre nach der Premiere von „Das Leben der Anderen“ legt sich der ostdeutsche Dramatiker mit dem Regisseur des Oscar-gekrönten Welterfolgs an, in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche“: Dieses „Gruselmärchen“ über die Stasi und die Kulturszene in der DDR sei ein „bunt durcheinander gemischter Unsinn“. Hein verwehrt sich dagegen, dass sein Schicksal dafür Pate gestanden ist, wie eine Danksagung im Vorspann suggerierte. Dabei hatte er doch Florian Henckel von Donnersmarck im Vorfeld des Drehs geduldig erzählt, wie sich sein Leben als kritischer Autor in der zweiten deutschen Diktatur wirklich abgespielt hatte. Und dafür sei ihm der junge Filmemacher „unsäglich dankbar“ [sic!] gewesen.

Jetzt dürfte er ihm gar nicht mehr dankbar sein. Denn so spät die Schelte kommt: Sie kommt zur Unzeit. Donnersmarck rittert gerade um den zweiten Oscar. Auch sein „Werk ohne Autor“, nominiert für den Besten fremdsprachigen Film, ist biografisch inspiriert, durch die dramatische Familiengeschichte von Gerhard Richter. Und auch der greise Großmeister der Malerei, dessen Werke sich so teuer verkaufen wie keine anderen eines lebenden Künstlers, ist böse auf den filmenden Grafen: In seinem „Machwerk“ habe es dieser geschafft, „meine Biografie zu missbrauchen und grob zu entstellen“, gab Richter für einen Artikel im „New Yorker“ zu Protokoll. So steht der doppelt Angegriffene als Fälscher da, der sich mit alternativen Fakten an den Leben von anderen vergeht.

Die Rolle Biermanns. Sieht man freilich genauer hin, erweisen sich die beiden Fälle als ziemlich verschieden. Im Zentrum von Donnersmarcks Debütfilm stand gar nicht der fiktive Theaterautor, sondern ein Stasi-Agent, der ihn bespitzeln soll und sich dabei vom Saulus zum Paulus wandelt. Wie die Staatspolizei mit Kulturschaffenden umging, erfuhr der Filmemacher aus den Akten über Wolf Biermann, die der Dichter veröffentlicht hatte, und einem Gespräch mit dem Ex-Agenten, der mit diesen Ermittlungen betraut gewesen war. Deshalb schätzt Hein seinen Einfluss wohl als zu groß ein, wenn er behauptet: Nur weil er nach der Premiere seinen Namen gestrichen haben wollte, erzähle der Regisseur „seitdem, er habe sich von [. . .] Biermann inspirieren lassen“. Was „völlig unsinnig“ sei, weil dieser in der Endphase des Regimes, in dem der Film spielt, schon längst im Westen lebte. Doch eine Quelle der Inspiration schließt die andere nicht aus. Übrigens war Biermann von dem Film begeistert: Er kam „aus dem Staunen nicht heraus“, dass solch ein westlicher Neuling „ein dermaßen realistisches Sittenbild der DDR abliefern konnte“.

Ganz anders steht es um „Werk ohne Autor“. Zwar sagt Donnersmarck selbst, er habe kein „Biopic“ machen wollen und die Fakten bewusst mit Fiktion vermengt. Aber als Basis dienten doch intensive Gespräche, in denen ihm Richter detailliert seine Lebensgeschichte erzählte. Wie schon zuvor seinem Biografen Jürgen Schreiber – und auch damals mündete eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit nach vollbrachter Tat im Zerwürfnis. Aus beiden Quellen, dem Buch und seinen Interviews, entwickelte Donnersmarck eine gewagte, aber plausible Deutung von Hauptwerken Richters: Sie seien eben nicht kühl-distanzierte „Werke ohne Autor“, wie Kritiker sie einst wegen ihrer generischen Titel etikettierten, sondern höchst persönliche, halb unbewusste Akte der Befreiung von den Traumata seiner Jugend.

„Meine Bilder wissen mehr als ich“, sagte Richter einmal selbst. Ist er nun wirklich verärgert, weil sein Leben entstellt im Kino läuft? Oder vielmehr bestürzt darüber, wie schmerzlich enthüllend die cineastische Psychoanalyse ausgefallen ist? Das wollte die Redakteurin des „New Yorker“ unbedingt wissen. Sie recherchierte penibel und füllte 20 Druckseiten. Endgültig zu klären war die Frage dennoch nicht. Ein Rest von Rätsel bleibt – was die Oscar-Chancen des „Machwerks“ nicht unbedingt mindern muss.