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Ein kurzes Stück über Leben und Tod: „Tuesdays with Morrie“

KritikVienna's English Theatre: Adrienne Ferguson inszeniert das Drama von Jeffrey Hatcher und Mitch Albom schnörkellos und doch mit viel Gefühl.

Nicht vertrautes englisches Understatement, sondern melodramatisches Sentiment aus den USA herrscht derzeit in Vienna's English Theatre: „Tuesdays with Morrie“ ist ein zartes Stück übers Abschiednehmen, es handelt von letzten Begegnungen zwischen einem alten Universitätsprofessor und einem seiner früheren Studenten. Mitch Alboms autobiografischer Bestseller aus dem Jahr 1997 wurde von dem Starreporter 2002 gemeinsam mit dem Dramatiker Jeffrey Hatcher erfolgreich für die Bühne adaptiert. 1999 war das Buch mit Jack Lemmon in der Rolle des Professors zudem bereits verfilmt worden.

In Wien wird die Inszenierung von Adrienne Ferguson gezeigt. Am Dienstag gab es bei der Premiere für das schnörkellose und doch mit viel Gefühl aufgeführte Zweipersonenstück ausgiebig Beifall. John Atterbury spielt mit sanfter Ironie den Gelehrten, der an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leidet. Für diese degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems gibt es bisher keine Heilung. Sie ist unter dem Namen Lou-Gehrig-Syndrom bekannt, nach einem berühmten Baseball-Spieler, der an ALS starb – so wie Morrie Schwartz, der an der Brandeis-Universität Soziologie lehrte. Das Stück zeigt die Endphase seines Kampfes gegen das schrittweise Versagen des Körpers.

Der Journalist Mitch (Stefan Menaul) sieht im TV, wie sein früherer Professor über die Krankheit spricht. Nach dem Studienabschluss in Brandeis hatte Mitch versprochen, in Kontakt zu bleiben. Das ist 16 Jahre her. Nun macht er mit schlechtem Gewissen seinen ersten Besuch, fliegt von Detroit nach Massachusetts, an einem Dienstag. Immer an diesem Tag hatten sie an der Uni ein langes Gespräch, wie Rückblicke zeigen. Die Situation wiederholt sich: Der prägende Lehrer gibt eine Menge Lebensweisheiten von sich. Mitch ist so beeindruckt, dass er das Treffen ab nun jeden Dienstag wiederholt.

 

Talentierter Musiker wird Starreporter

Die Begegnung verändert den Jüngeren, der sich seiner Midlife-Crisis nähert. Erfolg und Prestige zählen wenig, wenn man mit einem Sterbenden konfrontiert wird, der sich in Gleichmut übt und weiß: Die Liebe ist das Wesentliche. Man könne zwar über das Sterben unglücklich sein, aber unglücklich leben zu müssen, sei doch ein größeres Problem. Bei Mitch bricht plötzlich viel Verdrängtes auf. Menaul spielt voller Melancholie (und mit großem Geschick am Piano) einen Mann, der trotz großen Talents seine Berufung zum Jazzmusiker aufgegeben hatte, um eine lukrative Karriere als Sportreporter zu beginnen. Morrie aber hat Verständnis dafür, er ist stolz auf Mitch und gibt ihm einen weiteren Rat: mehr Gelassenheit.

Die behält der schwer Leidende bis zum Schluss. Atterbury verkörpert einen Stoiker, der große Empathie und grenzenloses Verständnis für sein Gegenüber hat. Am Ende aber – es wird langsam dunkel auf der kleinen Bühne des Englischen Theaters – dürfen auch Tränen fließen, wenn der alte Mann keine Luft mehr bekommt. Der Tod tritt ein, er gibt ihm, wie man sagt, seinen Frieden. Etwas davon konnte Morrie dem jüngeren Freund vermitteln. Und dem Publikum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2019)