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Annenmaykantereit: Die sanften Buben mit ihren rauen Stimmen

Ein wenig reifer sind sie zwar, aber ihr Feuer der Leidenschaft lodert intensiver denn je.
Ein wenig reifer sind sie zwar, aber ihr Feuer der Leidenschaft lodert intensiver denn je.(c) Anton Balthasar Müller / millers.view
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Die Band aus Köln ist im Erfolgsrausch, sie trat trotzdem bei einem Klubkonzert im Wiener Porgy & Bess auf. Und verband Sensibilität mit ruppigem Ausdruck.

Es ist zum Schmunzeln, mit welchen Namen Bubenbands ihre amourösen Projektionen bedenken. Bei Element of Crime taucht häufig der Name Karin auf. Ob es sich dabei immer um dieselbe Person handelt, weiß Sänger Sven Regener angeblich selbst nicht. Vincenz Wizlsperger vom hiesigen Kollegium Kalksburg präferiert den Namen Gerda. Und beim deutschen Quartett Annenmaykantereit schließlich ist es die Marie, der gehuldigt wird. „Marie, wo bist du?“ heulten sie in ihrem Opener im knallvollen Jazzklub Porgy & Bess.

Von der österreichischen Zweitbedeutung von Marie, als Geld, wissen sie mit ziemlicher Sicherheit nichts. Geld war nie ein großes Thema, nicht einmal zu jenen Zeiten, als sie noch in der Kölner Fußgängerzone spielten. Und seit ihr Debütalbum „Alles Nix Konkretes“ 2016 an die Spitze der Charts schoss, schweigen sie noch beredter darüber. Dennoch, diese Band ist im Erfolgsrausch. Ende Mai kommen Annenmaykantereit wieder nach Wien. Sie haben ihre zwei Shows in der großen Open-Air-Arena in Windeseile ausverkauft.

Trotzdem bestanden sie jetzt im Februar auf einer anstrengenden Klub-Tournee. Schon eine Stunde vor Beginn standen die Fans an. Eine 150 Meter lange Menschenschlange erstreckte sich vom Porgy bis in die Riemergasse.

Die Fühlung mit ihrem vor allem aus Twens bestehenden Publikum genießen Annenmaykantereit. Im Getümmel blüht Henning Mays kratziger Bariton erst so richtig auf. Seine Stimme, der besten, die seit Rio Reiser aus Deutschland kam, birgt Intensität und Zweifel, Soulfulness und viel Leidenschaft. Träumte Sänger May auf dem ersten Album eher von kleinbürgerlichem Glück, so erweiterte sich sein Blick mit dem kürzlich veröffentlichten zweiten Album „Schlagschatten“. Ein Highlight des Abends war „Weiße Wand“, ein politisches Lied, in dem sich May als privilegiert beschreibt. „Ich bin jung und weiß in 'nem reichen Land,“ heißt es da. Seine Zweifel formuliert er sprachlich grob, gesanglich zart: „Ich bin keiner von denen, die weiterwissen. Ehrlich gesagt, ich krieg selber nie etwas geschissen“

Wie May Sensibilität mit ruppigem Ausdruck verbindet, macht einen guten Teil der Magie aus, die Annenmaykantereit entwickelt. Aus dem ausgezeichneten Kollektiv steht noch Bassist Malte Huck heraus, jener Mann, der im Bandnamen keinen Platz gefunden hat. Seine funky Basslines adeln die Folk- und Indie-Pop-Melodien der Band.

„Barfuß am Klavier“, „Nicht Nichts“

Beim karibisch angehauchten „Jenny Jenny“ wurden Kongas ins Spiel gebracht. Das Herz zum Hüpfen brachten mehr noch die Punchlines von Songtexten wie jenem von „Vielleicht Vielleicht“. Ein anderes Highlight war das schon 2015 aufgenommene „Nicht Nichts“, ein Lied, das auf dem Erich-Fried-Gedicht „Ohne Dich“ aufbaut. Die berühmte Trennungsballade „Barfuß am Klavier“ trug May ganz allein am E-Piano vor. „Du und ich, wir war'n mal wir. Und sind jetzt nichts. Du da, ich hier.“ Die erste Zugabe, das unveröffentlichte „Ozean“ gaben Annenmaykantereit dann auf einer Minibühne direkt im Publikum. Diesem intimen Moment folgten auf der eigentlichen Bühne noch die munter polternden Hits „Pocahontas“ und „Ich geh heut nicht mehr tanzen.“ Ein wenig reifer sind sie zwar, aber ihr Feuer der Leidenschaft lodert intensiver denn je.