Schnellauswahl

Bruno Ganz: Nicht ganz von dieser Welt – oder doch?

Er konnte auch heiter sein: Bruno Ganz 2015 beim Filmfestival in Venedig.
Er konnte auch heiter sein: Bruno Ganz 2015 beim Filmfestival in Venedig.(c) REUTERS (Stefano Rellandini)
  • Drucken

Ihn umgab ein Nimbus wie keinen sonst: Der Schauspieler Bruno Ganz, ein großer Poet, ein Meister der Sprache, ein Publikumsliebling und ein Weggefährte der wilden 1968er-Theater-Revolutionäre, starb mit 77 Jahren in Zürich.

Ein Mann blickt im Feuerschein auf eine vornehme Dame herab. Er sieht aus wie ein Kavalier, und trotzdem hat er sie vergewaltigt: 1976 spielte Bruno Ganz den russischen Grafen in ?ric Rohmers Verfilmung von Kleists Novelle „Die Marquise von O.“. Am Theater war der gebürtige Schweizer damals bereits ein Star. Er hatte Hamlet, Macbeth und das Scheusal Franz Moor in Schillers „Die Räuber“ gespielt. Inmitten der rauen 1968er-Revolution im Theater, die alles Feine austrieb, blieb Ganz auf seinem Podest. Er beherrschte den hohen Ton. Er stand für die leise Poesie, sein Spiel war edel. Und doch hat er oft gefährliche, abgründige Charaktere verkörpert, etwa Adolf Hitler in seinen letzten Tagen im Bunker („Der Untergang“).

Eine Prise Süden. Ganz wurde 1941 in Zürich geboren, seine Mutter war Italienerin, der Vater ein Schweizer Fabriksarbeiter. In Deutschland traf er früh auf einen wichtigen Förderer der damaligen junge Wilden, Kurt Hübner. In den 1960er-Jahren gewann er mit Peter Zadek und Peter Stein zwei Pioniere der Reform für sich. Ganz wurde zum bekennenden Linken. Mit Stein arbeitete Ganz Jahrzehnte zusammen. Er prägte dessen Berliner Schaubühne mit und fand dort neue herausfordernde Regisseure wie Claus Peymann, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy oder Dieter Dorn. Mit Peter Handke und Wim Wenders war Ganz befreundet. In Wenders' Fantasy-Drama „Der Himmel über Berlin“ war Ganz als Engel zu sehen. 1972 spielte er in Peymanns Regie bei den Salzburger Festspielen in der Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ den manischen Pathologen.

Am Burgtheater debütierte Ganz erst 2003. In Grübers Regie war er der greise Ödipus auf Kolonos, in einem desolaten Griechenland abseits jeder Insel-Idylle (Bühne: Anselm Kiefer). Bei der Erinnerung an manche Aufführungen taucht noch nach Jahren als Erstes das Gesicht von Bruno Ganz auf, auch wenn man die Stücke oft gesehen hat: Ganz als Torquato Tasso, als entgeisterter Prinz von Homburg (Regie: Peter Stein) oder als Protagonist in Steins „Faust“-Marathon, der auch in Wien zu erleben war. In „Ithaka“ von Botho Strauß spielte Ganz den Odysseus, in Salzburg sah man ihn als Prometheus an die Felsenreitschule geschmiedet. Ob Ganz toll oder weniger überzeugend war, die Aufführung begeisterte oder weniger, der Nimbus dieses Künstlers blieb unangetastet. In einer Zeit, da Schauspieler immer schneller dem Gedächtnis entschwinden, ist es kaum noch vorstellbar, dass jemand so lang und glühend verehrt wird wie Ganz. Dabei hatte der Künstler ein schweres Schicksal, Jahre kämpfte er gegen den Alkoholismus, den er besiegte, sein Sohn erblindete mit vier Jahren. Als junger Mann beherrschte Ganz das Krasse, Böse. Die größte Begeisterung aber weckte er als der milde Gute. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, die ihn das Schauspiel erobern ließ, etablierte sich dieser charismatische Spieler beim Film. In „Brot und Tulpen“ von Silvio Soldini sieht man Ganz, wie er sich gerade einen Strick um den Hals legt, um sich umzubringen, als eine schöne Frau an seiner Tür läutet. Surreale Szenarien waren seine Domäne.

Geliebt von Generationen. Alte und Junge liebten ihn, etwa als Schwyzerdütsch sprechenden Opa in „Heidi“ oder als weisen Tröster in der Verfilmung der Biografie des Journalisten Tiziano Terzani („Das Ende ist mein Anfang“). „Der Tod ist wirklich das einzig Neue, was mir noch passieren kann“, sagt Ganz hier als Terzani. Wie wahr.
Die Geschichte des Theaters und des Films hat Ganz in einer wichtigen Epoche nach allen Richtungen abgeschritten. Die Rolle des Großvaters in Mozarts „Zauberflöte“ bei den Salzburger Festspielen musste er 2018 absagen, Klaus Maria Brandauer sprang ein. 77-jährig ist Ganz nun in Zürich gestorben. Er wirkte immer ein wenig wie nicht von dieser Welt. Und doch stand er mit beiden Beinen auf der Bühne, in seiner Kunst, ein gewissenhafter Arbeiter und ein Fantast

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2019)