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Debüt der Wiener Band Culk: Wenn Dream-Pop ins Albtraumhafte kippt

Culk: „Culk“
Culk: „Culk“Siluh Records
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Kritik Die Wiener Gitarrenband Culk begeistert mit ihrem Albumdebüt. Was sie besonders macht, sind der fesselnde Gesang und die vertrackten Texte.

„Niemand da, niemand, der schreit, niemand, der bleibt“ – die letzten Zeilen des Songs „Faust“ klingen, als ob nichts mehr kommen könnte. Sängerin Sophie Löw singt sie betont kraftlos und distanziert, zu schwebenden Synthesizerflächen, die nach und nach das zunächst forsch marschierende Schlagzeug und die aufbrausenden Gitarren abgelöst haben. Doch es geht nahtlos weiter, mit „Faust II“, einem Instrumentalstück, das für einige Takte versöhnlich wirkt. Bis Feedbacklärm aufzieht, das Schlagzeug zu taumeln scheint. Und der fast schon liebliche Dream-Pop ins Albtraumhafte kippt.

Das passt nicht nur zum Inhalt von „Faust“, in dem Löw Zeilen singt wie „Halt mich fest, bis ich nicht mehr weiß, ob sie mich auffängt oder mich zerreißt“. Es passt auch zu den sechs weiteren Songs des schlanken, schlicht mit dem Bandnamen betitelten Debütalbums der Wiener Band Culk. Sie handeln von Machtgefällen, Krisen und Gewalt, gesellschaftlich wie zwischenmenschlich. Am intensivsten im meisterhaften, im Vorjahr als erste Single erschienenen „Begierde/Scham“: „Wie Gewitterwolken breitet er sich aus über ihr, Widerstand erstickt in Wärme, die er ihr gibt“, singt Löw, die Silben bald verschluckend, bald dehnend, zu einem Rhythmus, der vor Spannung fast zu zerreißen droht. „In ihrer Stille bleibt sie erstarrt, alles Gewalt um sie.“ Wurde zwischen Begierde, Unterwerfung und Unterdrückung eine rote Linie überschritten? Culk lassen es offen. So wie die Bedeutung ihres Bandnamens, für den sie einen Kunstbegriff kreiert haben.

Bald entrückt, bald ekstatisch

Dass die Band trotz Rückgriffs auf 1980er-Genres wie Post-Punk und Shoegaze (samt psychedelischen Noten) ungemein frisch wirkt, liegt nicht so sehr daran, dass deren Sound durch permanente Wiederbelebung längst zeitlos ist. Es sind der eigenwillige Gesang von Löw und ihre rätselhaft-vertrackten Texte, die Culk besonders machen. Vor allem, wenn Löw bei der Hälfte der Songs auf Deutsch singt: bisweilen wie in Trance, nahe am Abgrund, bald seltsam entrückt, bald ekstatisch, immer aber fesselnd.

Es geht unter die Haut, wenn sie gegen Ende des gleichnamigen Stücks immer wieder „die Vollendung“ schreit, zu energisch anschwellenden Gitarren und rasendem Beat. Als Antwort auf die Zeilen „Zwischen Vertrauen und Vergehen, zwischen den Worten und Taten, die schleichend an uns vorübergehen“. Ein Höhepunkt dieses formidablen Albums der Anfang 20-jährigen Löw, Johannes Blindhofer, Benjamin Steiger und Christoph Kuhn.

Im von weiten Melodiebögen getragenen "Salvation“ klagt Löw darüber, dass nicht jede und jeder gleich gehört wird, manchen mehr zugetraut wird als anderen: "Why do I have to get loud, why can’t I just be proud, why do I have to shout", singt sie unaufgeregt, aber bestimmt. Den Aufschrei übernimmt die Gitarre, die nach einem genuschelten "Why, why, why" zum Solo anhebt.

„I asked for salvation and not for pain“, heißt es dann im Schlusslied, „Velvet Morning“. Es spiegelt beides wider: Erlösung und Schmerz, in einem stürmischen Finale, das in einer Wall of Sound mündet. Löws Stimme taucht in ein Meer aus Echo, bis sie nicht mehr zu hören ist. Von dieser Band wird man dies aber gewiss noch tun.

Culk: „Culk“
Siluh Records

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2019)