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Mumok: Gustava Klimts Orgie des Ornaments

Eine der prächtigen Textilcollagen Miriam Schapiros (1923–2015): „Dormer“, 1979.
Eine der prächtigen Textilcollagen Miriam Schapiros (1923–2015): „Dormer“, 1979.(C) Brunn/Ludwig Forum Aachen
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Die vergessen geglaubte US-Bewegung „Pattern and Decoration“ aus den 1970er-Jahren wird wiederentdeckt. Sie war feministisch, die Welt umarmend, offensiv fröhlich – und bezog sich auch auf Klimt und die Wiener Werkstätte.

Werden vor Ausstellungen oft Bilder restauriert oder Skulpturen abgestaubt, musste diesmal das Bügeleisen herausgeholt werden: So viel gebügelt wurde im Mumok noch nie. Eh klar, für die erste dezidiert als solche gegründete feministische Kunstrichtung, die jetzt mit einer Häufung an Sonderausstellungen in den USA und in Europa wiederentdeckt wird: „Pattern and Decoration“ heißt sie und wurde Mitte der 1970er von rund zehn Künstlerinnen und Künstlern in New York gegründet.

Die auf zwei Mumok-Geschoße aufgeteilte Schau ist eine Explosion aus Farben, Mustern und Stoffen, die damals provokativ den „grauen, rigiden Strom des Formalismus“ unterbrechen sollte, den Mainstream aus Konzeptkunst und Minimalismus. Den wollte diese Gruppe junger Kunstakademie-Absolventen ordentlich aufmischen, erzählt Robert Kushner, der als eine Art Vorhut zur heutigen Eröffnung schon am gestrigen Donnerstag angereist ist; bis auf Miriam Schapiro, eine der Hauptprotagonistinnen von P&D, wie es abgekürzt heißt, leben noch alle Gruppenmitglieder.

Diese hatten offensichtlich, viel Spaß: Versammelt ist hier in etwa alles, was „verboten“ war (und teilweise, Jeff Koons Kitschkunst hin oder her, noch immer ist): rosa Rosen auf hellgrünem Grund etwa, die „Teeparty“ von Robert Zakanitch. Riesige, mächtige Fächer aus verschiedensten Stoffen, von Miriam Schapiro an die Wände geschlagen. Lange Bahnen kleingeblümelter Meterware, von Joyce Kozloff zu Räumen aufgelegt.

Schön, weich, weiblich

Schön musste es sein, weich und, wenn geht, nicht rechteckig. Alles, was in der Kunst damals mit „weiblich“, „angewandt“ oder „trivial“ verbunden war. Die Rolle als männlicher Künstler war dabei nicht unoriginell, erinnert sich Kushner. Er habe sich schon gefragt, welche Rolle die beteiligten Herren eigentlich einnehmen konnten. Heute, betont er, sei das anders, könne man sich auch als Mann als Feminist bezeichnen. Damals aber sei das unmöglich gewesen.

Trotzdem arbeiteten die Herren eifrig mit, eine der Mumok-Ebenen ist nur von ihren Stoffobjekten voll, was wohl keine Absicht von Kuratorin Manuela Ammer war, sondern der Ankaufspolitik des Sammlerpaars Peter und Irene Ludwig geschuldet ist, die damals in großem Stil einkauften. Es ist ihre P&D-Sammlung, die jetzt durch die von ihnen unterstützten Ludwig-Museen von Aachen über Wien bis (bald) nach Budapest zieht. Eine andere P&D-Ausstellung ist gerade in der Schweiz zu sehen, die nächste kommt 2020 ins Moca in Los Angeles.

In Wien hat dieses Revival aber besonderen Sinn bis Sinnlichkeit: Schon der Ausstellungstitel bezieht sich schließlich auf den Gottseibeiuns dieser Neo-Dekorativen, auf Adolf Loos, den Macho, Elitisten und Ornamentskeptiker – „Ornament als Versprechen“ lautet die Überschrift. „Ornament und Verbrechen“ hieß die Loos'sche Kampfschrift gegen die wilden Fantasien der Wiener Werkstätte; er pochte in englischem Anzug auf Tradition und Handwerk.

Klimt und Wiener Werkstätte

Nicht zufällig nennt Kushner gerade die Wiener Werkstätte und Gustav Klimt als Inspiration für P&D. Auch von einem feministischen Standpunkt aus immer für Überraschungen gut, förderte Klimt doch bewusst Frauen und fanden in der Wiener Werkstätte viele Frauen ein künstlerisch interessantes Auskommen. Bis heute sind sie als Keramikerinnen, Textilkünstlerinnen, Grafikerinnen immer noch unterschätzt. Als Durchbruch in diesem Sinn ist die gerade zu Ende gegangene Londoner Tate-Modern-Ausstellung über Bauhaus-Weberin Anni Albers zu werten.

Wobei das Bauhaus den P&D-Künstlern wiederum suspekt ist – die Reduktion, das ist so gar nicht das ihre. Lieber wollte man testen, wie wild man sein könne – so erklärt Kushner jedenfalls die fast sieben Meter lange Silhouette eines seiner Hauptwerke, „Cincinnati“, das an ein abstraktes Schnittmuster denken lässt. Darin verarbeitete er selbst erfundene Muster, aber auch indische Stoffe. Denn das war P&D auch, eine unbefangene Umarmung der Weltkulturen, vor allem des Orients. Es war auch kein Zufall, dass gerade Mitte der 1970er das Metropolitan Museum die islamische Kunst aus den Depots holte.

Dieser positive Blick auf die Globalisierung sei es vielleicht auch, der P&D heute wieder attraktiv mache, meint Kuratorin Ammer. Eine Erinnerung daran, welcher Enthusiasmus aufkommen kann, „wenn die Kanäle zwischen den Kulturen offen bleiben“. Wobei man sagen muss: Es waren zwar Männer und Frauen in dieser feministischen Gruppe. Aber weiß waren sie alle. Was aus heutiger Sicht doch einen leisen Orientalismusverdacht aufkommen lässt.

Künstlerdiskussion: 23.2., 17h. Ausstellung: 23.2. bis 8.9. Mo: 14–19h, Di bis So: 10–19, Do: 10–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2019)