Fräulein Julie kann natürlich Blut sehen

Kritik Ludwig Wüst inszeniert August Strindbergs Einakter feinsinnig, mit zauberhaften Ideen.

An der Rampe des Schauspielhauses Graz steht rechts der Geiger Yury Revich. Er spielt virtuos auf seiner Stradivari, ein Adagio von Bach. Links sitzen vor dem roten Vorhang zwei Personen mit Vogelmasken – Adler und Taube vielleicht. Ein Lied erklingt: „Heute Nacht oder nie“ aus einem Tonfilm von 1932. Ist das hier tatsächlich das angesagte Stück, ein Einakter von August Strindberg? Der Raubvogel in Jeans und weißen Schlapfen, mit einem Frackoberteil, steht auf und stöhnt: „Heute Abend ist Fräulein Julie wieder verrückt, komplett verrückt.“ Ja, so beginnt dieses 1889 in Kopenhagen uraufgeführte „naturalistische Trauerspiel“, das in der schwedischen Heimat des Dichters anfangs keine Chance hatte – zu unsittlich erschien es selbst liberaleren Kritikern: Ein adeliges Fräulein wirft sich in der Mittsommernacht einem Diener an den Hals, wird verführt. Sie wollen fliehen, doch Julie wählt den Tod.

 

Hoch oben kreisen die Raubvögel

Was hat uns dieses 130 Jahre alte Stück noch zu sagen? Ludwig Wüst hat daraus ein fein abgestimmtes Kunstwerk gemacht. Diesem Regisseur zollt derzeit in Graz das Filmfestival Diagonale Tribut – Kino, ein Holz-Workshop und eben eine Kooperation mit dem Schauspielhaus, die offenbar auf nur eine Aufführung beschränkt ist. Schade, denn seine Interpretation von „Fräulein Julie“ ist hervorragend! Julia Franz Richter bezaubert als Irrwisch in der Titelrolle, Margarethe Tiesel als Köchin Kristin verströmt erdigen Charme, und Gerhard Balluch spielt den Diener Jean differenziert – erst bloß mit serviler Resignation, dann mit Verachtung, stets aber als berechnender Aufsteiger.

Die Vertreter der Dienerschaft führen einen Vogerltanz auf. Als sie ihre Masken abnehmen, sieht man: Jean und Kristin, die Strindberg 30 und 35 Jahre alt nennt, sind hier mindestens eine Generation älter als die 25-jährige Julie. Ist es also doch ein anderes Stück, ein „Traumspiel“ gar, das von alter Erinnerung erzählt? Auch das Bühnenbild (Erich Uiberlacker), das sich nun eröffnet, hat etwas Fantastisches: Hoch oben gut ein Dutzend Raubvögel im Kreis, im Zentrum ein offener Sarg, davor ein Grammofon, ein blutiger Block samt Beil, Stiefel des abwesenden Grafen, ein Riesenkoffer rechts, eine Chaiselongue links, auf der sich die Köchin zur Ruhe begeben wird, während Julie und Jean ihre kurze Affäre beginnen. Ein deutliches Symbol: die Riesenschaukel, deren Seile weit hinauf reichen, weiter noch als bis zu den ausgestopften Vögeln, und auf der sich das Fräulein später produzieren wird.

 

Ein Koffer voll Geld, ein Rasiermesser

Erst aber sehen wir eine junge Frau, die übermütig herumspringt. Bald wird sie den Diener necken, erniedrigen, zu allerlei Schabernack, zum Trinken und zum Beischlaf überreden, bis dann, in einer Gegenbewegung, Julies Abstieg beginnt, alle Hoffnung zerstört wird. Dieses ungleiche Paar macht im Verlauf von 70 Minuten eine ungeheure Entwicklung durch. Die Regie versteht es, das Auf und Ab der tragischen Mittsommernacht bis zum Morgengrauen nuanciert darzubieten. Nur sparsam wird die Übertreibung eingesetzt, etwa wenn die Herrin den Diener zwingt, ihr den Schuh zu küssen. Vorsorglich legt die Köchin da ein Kissen auf den Boden, auf dem Jean knien kann.

Und gegen Ende, als Träume vom Reisen, von einem Hotel am Comer See, zerstoben, als die schlimmsten Familiengeheimnisse heraus sind und die Ankunft des Vaters bevorsteht, räumt Julie radikal die Bühne leer. Musik! Ein neues Requisit taucht auf. Jean reicht ihr sein Rasiermesser, geht mit ihrem Aktenkoffer voll Geld ab, nach hinten ins grelle Licht. Nun konfrontiert sie das Publikum: „Glauben Sie, ich kann kein Blut sehen?“ Noch eine Weile, dann wird es finster.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2019)