Antisemitismus unter Türken – eine moralische Bankrotterklärung

Pressekonferenz, Sobotka
Eva Zeglovits (Ifes, v. li.), Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und Thomas Stern (Braintrust) bei der Präsentation der Antisemitismusstudie.APA/HERBERT PFARRHOFER

Leitartikel Judenfeindlichkeit bei Türken, die in Österreich geboren und aufgewachsen sind, offenbart die ganze Bandbreite und Absurdität von Rassismus.

Es gibt da diese Szene in dem Kultfilm "Dead Presidents" aus dem Jahr 1995. Zwei farbige junge Männer aus der New Yorker Unterschicht geraten in einen Streit und beschimpfen einander aufs Übelste. Einer fängt sogar an, den anderen rassistisch zu beleidigen. Er sehe aus wie jemand, der in eine Öllache gefallen sei, meint er. Ein dunkelhäutiger Mann wirft also einem anderen dunkelhäutigen Mann vor, dunkler zu sein als er selbst.

In einer späteren Szene des Films beschwert er sich seinerseits darüber, von Weißen wegen seiner Hautfarbe diskriminiert zu werden. Ohne auch nur eine Spur von Selbstkritik oder Selbstreflexion – darin liegt wohl auch die ganze Tragik und Schizophrenie von Diskriminierungen aller Art.

Rassismus innerhalb der schwarzen Community der USA wird öffentlich nicht oft thematisiert, ist aber ein durchaus weitverbreitetes Phänomen. Auch wenn es einem schwerfällt, sich eine derart absurde Form von Ausgrenzung vorzustellen. Vor allem drängt sich die Frage auf, welche Unterstützung und Solidarisierung sich besagter Mann aus dem Film von der Bevölkerung erwarten kann. Wer würde so jemandem gegenüber Empathie zeigen? Wer könnte Verständnis für seine Probleme haben? Für seine möglicherweise schwierige Vergangenheit?

Zurück nach Österreich. Einer aktuellen Studie des Instituts Ifes zufolge ist Antisemitismus nicht nur unter Asylwerbern aus manchen arabischen Ländern, in denen Judenhass bekanntermaßen zur Staatsräson gehört, sehr weitverbreitet, sondern auch unter Türken der dritten und vierten Generation.

Eine zweite Studie, die demnächst präsentiert wird, sowie weitere Befragungen aus Deutschland bestätigen diese Entwicklung – ungewöhnlich viele junge türkischstämmige Österreicher und Deutsche hegen eine tief sitzende Abneigung gegenüber Juden, was sich auch in einer Ablehnung des Staates Israel zeigt.

Die Gründe dafür sind immer dieselben: Unwissenheit, Vorurteile, die Vermischung von politischen Konflikten im Nahen Osten mit Religion und die Instrumentalisierung durch Staatsoberhäupter, die antisemitische Ressentiments nur allzu gern als Waffe einsetzen, um ihre jeweilige Agenda zu verfolgen.

Bei den Türken ist es Präsident Recep Tayyip Erdoğan, dessen innenpolitisch motivierte Attacken gegen Israel – geschickt gepaart mit dem Narrativ der muslimischen Opferidentität – zur schleichenden Radikalisierung der Türken geführt haben. Dass dieses eiskalte Kalkül in der Türkei mit der entsprechenden Generalmobilmachung der großen Medien aufgeht, mag noch irgendwie nachvollziehbar sein.

Aber dass auch Türken in Österreich in diese Falle tappen, macht vor allem aus zwei Gründen ratlos: wegen der jüngeren Geschichte Österreichs, die einem (vernünftiger- und notwendigerweise) nicht nur regelmäßig von den letzten verbliebenen Zeitzeugen über die Medien, sondern auch im Unterricht ab der Volksschule vergegenwärtigt wird, und wegen der jüngeren Geschichte der Türken in Österreich, die wissen müssten, was es bedeutet, pauschal verunglimpft zu werden und sich in einem Land nicht willkommen zu fühlen.

Daher drängt sich auch hier die Frage auf, wer sich mit ihnen solidarisieren würde. Wer soll unter diesen Umständen Empathie für sie zeigen? An wen wollen sie sich wenden? Dann nämlich, wenn sie selbst Opfer von Alltagsrassismus werden (was ja laut aktuellem Zara-Antirassismusbericht nicht so selten vorkommt) oder im Zuge politischer Diskriminierung etwa für Religions- und Sozialmissbrauchsdebatten herhalten müssen.

Vielleicht sollten sich türkischstämmige Österreicher, die sich abfällig über Juden äußern, diese Fragen einmal stellen. Am besten bei der nächsten Umfrage, bei der sie – nicht ohne Larmoyanz – angeben, selbst zu der am stärksten diskriminierten Minderheit des Landes zu gehören. Und sich darüber wundern, dass es nach all den Jahrzehnten immer noch so viele dumme Vorurteile über sie gibt. Wie der Amerikaner aus dem Film, der den anderen Amerikaner beschimpft. Und nicht versteht, dass es Amerikaner gibt, die ihn beschimpfen.