"Chronische Unterdotierung" im Volkstheater: Suche nach Leitung gestoppt

Clemens Fabry

Eine Neuausrichtung des Hauses sei nur mit mehr Geld möglich, teilte die Jury mit, die mit der Suche nach einer neuen Leitung betraut ist. Die Kulturstadträtin legt den Bewerbungsprozess vorerst auf Eis.

Überraschende Wende bei der Suche nach der neuen künstlerischen Leitung für das Wiener Volkstheater: Die Findungskommission hat einstimmig beschlossen, keine Kandidaten für die Nachfolge von Direktorin Anna Badora vorzuschlagen. Denn eine Neuausrichtung des Hauses sei nur mit mehr Geld möglich, heißt es in einem Protokoll.

Dieses war nach einem Hearing mit neun Interessenten erstellt worden. Die Geladenen waren aus einer Zahl von insgesamt 72 Bewerbungen ausgewählt worden. Sie durften sich laut dem Protokoll präsentieren und mussten eine Reihe von Fragen beantworten - auch zur Finanzierbarkeit ihrer Vorstellungen.

Daraufhin gab Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler bekannt, den Bewerbungsprozess zu stoppen. Das teilte die Ressortleiterin in einer Stellungnahme mit. Die einstimmige Empfehlung der Jury sei überraschend gekommen, hielt Kaup-Hasler fest. Allerdings habe sie eine "lang gehegte eigene Überlegung" fachlich bestätigt. Wiens Kulturstadträtin will laut eigenen Angaben nun persönlich jene Grundvoraussetzungen schaffen, die es der Jury ermöglichen, "ihre Arbeit fortzusetzen und eine geeignete Leitung für das Volkstheater zu finden".

"Ich werde mit dem Bund, aber auch mit den Vertretern der Volkstheater-Privatstiftung intensive Gespräche führen", kündigte
sie an. Sie habe Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) von der Dringlichkeit einer Lösung schriftlich unterrichtet - nachdem es zu dem Thema bereits ein Vier-Augen-Gespräch gegeben habe, wie die Stadträtin berichtete. Wie lange der Bewerbungsprozess außer Kraft gesetzt ist, ist offen. "Meinerseits ist auf jeden Fall rasches Handeln erforderlich", betonte Kaup-Hasler.

"Substanzielle Anhebung der finanziellen Ausstattung"

In dem Protokoll der Jury hieß es, es seien in dem Hearing durchaus "schlüssige und überzeugende Konzepte" vorgelegt worden, wie festgehalten wurde. Allerdings sei eine Neuausrichtung des Hauses nur mit einer "substanziellen Anhebung der finanziellen Ausstattung möglich". Wörtlich heißt es: "Eine Prolongierung der derzeitigen Mangelwirtschaft bedeutet letztlich das Inkaufnehmen eines Qualitätsverlustes." Diesen wolle keiner der Kandidatinnen bzw. Kandidaten verantworten, wurde versichert.

"Die Kommission empfiehlt daher, die chronische Unterdotierung zu korrigieren", heißt es weiter. Die Größenordnung liege nach "übereinstimmender Auffassung" der Experten bei drei Millionen Euro pro Jahr - samt Valorisierung der Zuschüsse in den Folgejahren. Die Aufforderung ging dem Vernehmen nach sowohl an die Stadt als auch an den Bund.

Durch die Blume wird auch angedeutet, dass der Interessenten-Kreis nicht ganz den Vorstellungen entsprochen hat. Denn abschließend wird angemerkt: Nur mit einer zusätzlichen Dotierung seien sowohl weiterführende Gespräche mit Kandidaten, die am Hearing teilnahmen, als auch die "Erweiterung des Kreises" der Bewerber um "jene Personen, die auf der Grundlage der jetzigen finanziellen Situation von einer Bewerbung bedauerlicherweise Abstand genommen haben", möglich.

Entschieden wird die Nachfolge Badoras von einer Jury unter der Leitung der Vorsitzenden des Vorstandes der Volkstheater Privatstiftung, Vienna-Insurance-Group-Vorständin Judit Havasi. Weitere stimmberechtigte Jurymitglieder sind Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann, der kaufmännische Direktor der Salzburger Festspiele, Lukas Crepaz, der Theaterreferent der Stadt Wien, Arne Forke sowie die designierte Intendantin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel.