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Verachtet mir die "Meistersinger" nicht!

Regisseur Jens-Daniel Herzog setzt auf vielgliedrige Geschäftigkeit. Doch schießt er in seiner detailverliebten, häufig wirklich aus der Musik entwickelten Gestik immer wieder übers Ziel hinaus.
Regisseur Jens-Daniel Herzog setzt auf vielgliedrige Geschäftigkeit. Doch schießt er in seiner detailverliebten, häufig wirklich aus der Musik entwickelten Gestik immer wieder übers Ziel hinaus.(c) APA/BARBARA GINDL

Kritik Dank Christian Thielemann bewältigte ein exzellentes Ensemble, geführt von Georg Zeppenfeld, dem neuen Hans Sachs, in Salzburg eine veritable Festspiel-Aufgabe.

Ehrt eure deutschen Meister“ – du lieber Himmel. Anno 2019 muss ein Veranstalter ja bereits eine Zusatztafel an jedem Eingangsportal anbringen lassen, will er „Die Meistersinger von Nürnberg“ aufs Programm setzen. Aber es sind auch die übermenschlichen Anforderungen an das stimmliche Vermögen der Hauptdarsteller und die Fülle des szenischen Aufgebots, die das einst viel gespielte Werk zur Rarität gemacht haben.

Die jüngste Premiere im Salzburger Festspielhaus war freilich der beste Beweis dafür, dass es Sinn und Zweck von Festspielen sein kann, gerade solche Herausforderungen anzunehmen – und sie zu bestehen.

Glänzend sogar. Die „Meistersinger“ sind ja zu allem Überfluss auch noch das mit Abstand längste Stück des Repertoirekanons, allein der letzte Aufzug dauert länger als die ganze „Tosca“. Und sie waren diesmal so kurzweilig wie noch nie. Das lag an Christian Thielemanns weiser Übersicht über die riesige Partitur, die er beherrscht wie gewiss kein Zweiter in unserer Zeit.

Wer das Bayreuther-Festspiele-Debüt des Kapellmeisters im Jahr 2000 miterlebt hat, bewundert seit damals schon die interpretatorische Kunst, die großen Formgestalten des Werks szenenübergreifend zu musikalischen Einheiten zu binden. Mittlerweile sind Thielemanns „Meistersinger“ noch reicher an Detailarbeit geworden, erlebt man die Verwandlung jedes Textwortes in akustische Miniaturen – und noch viel mehr die unausgesprochenen Gedanken und Gefühle der Protagonisten, die in Wagners psychologischer Kontrapunktik hörbar werden.

 

Selbstverständliche Größe

Wie selbstverständlich realisiert die Dresdner Staatskapelle den symphonischen Fluss des Werks mit allen, auch den kleinsten Verästelungen des musikalischen Subtexts – und verliert doch niemals den dramaturgischen Faden, der all die famosen Kleinigkeiten zum großen, fünfeinhalb Stunden überspannenden Ganzen bindet.

Das ist von singulärer Qualität, wäre schon wegen des tiefen Vorspiels zum dritten Aufzug eine Reise wert, wo sich aus dem melancholisch-zarten Gesang der Streicher ein sanfter Bläserchoral erhebt, der in seiner wohl austarierten Harmonie seinesgleichen nicht hat.

Solcher musikalischen Vollendung kann Regisseur Jens-Daniel Herzog auf der Bühne zwar vielgliedrige Geschäftigkeit entgegensetzen. Doch schießt er in seiner bewundernswert detailverliebten, häufig wirklich aus der Musik entwickelten Gestik immer wieder übers Ziel hinaus. Wagners Erzählung wird unterminiert, in ihrer dramaturgischen Stringenz desavouiert, wenn Evchen und Stolzing von Anbeginn ihrer Verbindung sicher sind; das Finale des ersten Aufzugs sinnlos, wenn Walter den Merker an den Ohren hinterm Vorhang hervorzerrt.

Dass das Pärchen sich zuletzt nicht in die „deutsche Kunst“ integrieren lässt, sondern sich davonmacht, erzählt viel über unsere Zeit und ihre moralischen Codices. Die „Meistersinger“ macht es nicht verständlicher. Musikalisch aber, und doch auch dank der erstaunlich texttreuen Detailarbeit der Regie hat man sie erlebt; zumindest als Theater im Theater: Hans Sachs ist in den Dekors von Mathis Neidhardt nicht nur Schuster, sondern auch Regisseur . . .

Jubel über ein sensationelles Debüt: Georg Zeppenfeld ist ein ungewöhnlich junger, an Stimmschönheit und Durchhaltevermögen heute wohl nicht egalisierbarer Sachs; was ihm an Charisma für den „Fliedermonolog“ noch fehlen mag, wird die Zeit ihm vermitteln – dann (und mithilfe subtilerer Regie) wird auch die Faszination fühlbar werden, die dieser Mann auf Eva nach wie vor ausübt: Jacquelyn Wagner steht in dieser Inszenierung nicht vor der Wahl – sie ist ganz und gar dem hellstimmigen, vielleicht nicht strahlenden, doch bis zuletzt sicheren Stolzing Klaus Florian Vogtas hingegeben und lässt einen hellen, klaren Sopran hören. In der Schusterstube mangelt es ihr noch an vokaler Größe. Das Quintett wird dank tadelloser Ergänzung durch den David von Sebastian Kohlhepp und Christa Mayers Magdalene doch zum zentralen Ereignis des unglaublich kurzweiligen Abends. Denn hier führt nur Thielemann Regie, bindet die Sänger makellos in den wohl austarierten Orchesterklang ein, der im ersten Akt für Meister Pogner (Vitalij Kowaljow) wie für einen Liederabend Pianissimo-Teppiche ausgebreitet hatte, die auch dem Kothner von Levente Páll zugutegekommen waren.

Exzeptionell die Charakterstudie, die Adrian Eröd vom Stadtschreiber Beckmesser zeichnet: Das ist stimmlich wie darstellerisch großes Musiktheater; luxuriös Jongmin Parks orgelnder Nachtwächter – und die Chöre aus Dresden und Salzburg (Bach-Chor), die, wie sich's gehört, zwischendurch zu Hauptdarstellern werden.

OSTERFESTSPIELE 2020

Verdi: „Don Carlo“ (Dirigent: Christian Thielemann/Regie: Vera Nemirova) mit Anja Harteros, Yusif Eyvazov, Ekaterina Semenchuk, Ildar Abdrazakov, Franco Vassallo: 4. und 13. April.

Konzerte: Arnold Schönberg: „Gurre-Lieder“ (Thielemann, Nylund, Gould, 7. und 10. April), Mahler: Symphonie Nr. 10 (Harding, 5. und 12. April), Gubaidulina/Beethoven (Thielemann, 6. und 11. April.

Uraufführung: Hans Werner Henze: „La piccola Cubana“ (5. April).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2019)