Iris van Herpen, Grenzgängerin der Mode

Visionärin. Iris van Herpen macht seit 12 Jahren Mode, die verschiedene Disziplinen vereint.
Visionärin. Iris van Herpen macht seit 12 Jahren Mode, die verschiedene Disziplinen vereint.(c) Jean Baptiste Mondino

Die Niederländerin Iris van Herpen lotet die Möglichkeiten des modisch Machbaren aus. Ihr Herz schlägt für Handwerk und Hightech.

Passanten auf der Kärntner Straße, herbeigeströmt von (gefühlt häufiger) fern und nah, erleben derzeit auf Höhe von Hausnummer 24 unter Umständen einen kleinen Schreckmoment: In der Auslage des Swarovski-Kristallwelten-Stores liegt nämlich, seitlich hingeworfen – ein Post-Guillotine-Memento? – ein überlebensgroßer Frauenkopf. Das ist freilich keine Installation zu Ehren der Französischen Revolution im Jahr des 130. Jubiläums, sondern eine Ode an das Feminine und das „Biomorphe“, also den Formen der Natur Nachempfundene. So beschreibt zumindest die niederländische Designerin Iris van Herpen den Ausgangspunkt für ihre aufsehenerregende Installation, die eine von fünf für Swarovski geschaffenen „Bühnen“ darstellt.

Mit üblicherweise weniger drastischen Mitteln Aufsehen zu erregen, das gelingt der in Amsterdam beheimateten Modemacherin verlässlich seit über zehn Jahren. 2007 zeigte sie ihre erste Kollektion in Amsterdam, übersiedelte mit ihren Laufstegpräsentationen zwischendurch nach London und ist seit 2011 fester Bestandteil des Haute-Couture-Kalenders in Paris. Aus den Kreationen, die sie hier vorstellt, resultiert jener Ruf, den ein Swarovski-Pressetext vollmundig auf den Punkt „die avantgardistischste Modedesignerin der Welt“ bringt.

Glaskunst. Mit dem Tiroler Bernd Weinmayer schuf van Herpen diese Maske für den Swarovski-Store.
Glaskunst. Mit dem Tiroler Bernd Weinmayer schuf van Herpen diese Maske für den Swarovski-Store.(c) Klaus Vyhnalek

Was man nun auch von solchen Superlativen hält, es ist unbestritten, dass Iris van Herpens Erfolg weitgehend auf ihrer Offenheit für neue Technologie und einem geradezu forscherischen Anspruch beruht. Bereits am Anfang ihrer Karriere und als noch kaum jemand sich etwas unter 3-D-Druck vorstellen konnte, experimentierte sie mit diesem neuen Verfahren: „Anfangs war es schwierig zu kommunizieren, was ich da tat, weil viele an einen normalen Drucker dachten und zwangsläufig glaubten, es handle sich um aus Papier gefaltete Kleider“, erinnert sich van Herpen an frühe Reaktionen.

In allen Künsten zu Hause. Dass sie zu den ersten zählte, die mit 3-D-Druck für Laufstegmode experimentierten, entpuppte sich bald als Garant für internationale Anerkennung. In den vergangenen Jahren wurde es aber für viele Kommentatoren beinah zum Automatismus, van Herpen und die 3-D-Drucktechnik in einem Atemzug zu erwähnen. Diese fixe Assoziationskette könnte auch etwas Lähmendes haben: „Ja, das ist wirklich so. Und das 3-D-Printing ist zwar noch immer eine der Techniken, die ich bei der Kollektionserstellung anwende, daneben gibt es aber viel anderes, unzählige Stunden an Handarbeit etwa.“ Gerade dieses Zusammenführen von traditionellen Techniken und innovativen Ansätzen charakterisiere am Ende ihren kreativen Anspruch am besten, sagt van Herpen.

„Biomorphism“. Eine Installation von Iris van Herpen für den Swarovski-Kristallwelten-Store in Wien.
„Biomorphism“. Eine Installation von Iris van Herpen für den Swarovski-Kristallwelten-Store in Wien.(c) Klaus Vyhnalek

Auch darum bietet ihr die Pariser Haute-Couture-Woche einen passenden Rahmen. Van Herpen entwarf zwischendurch auch Prêt-à-Porter, die Zusammenarbeit mit „herkömmlichen“ Produktionsstätten und die Erfordernisse der Vorproduktion stellten für sie aber einen Rückschritt dar: „Das war, als würde ich mich wieder in die Vergangenheit zurückbewegen. Was da jede Saison in meinem Atelier entsteht, wie wir uns oft auf völlig neues Terrain vorwagen, das ist nur mit Haute Couture möglich und entspricht voll und ganz dem, was ich mit Mode ausdrücken möchte“, sagt die Designerin.

In Porträts der Niederländerin ist oft zu lesen, dass sie von „Hippie-Eltern“ erzogen worden sei. Das tut van Herpen zwar mit einem Lachen ab, unterstreicht aber, wie wichtig die völlige Offenheit ihrer Familie gegenüber kreativen und künstlerischen Betätigungsfeldern für sie stets gewesen sei. „Als Kind lernte ich Geige und sehr früh schon klassisches Ballett, später nahm ich Malstunden. Als ich dann an der Kunstuniversität von Arnhem aufgenommen wurde, verbrachte ich anfangs je ein halbes Jahr in den Hauptfächern Tanz, Skulptur, Malerei und Mode.“ Für letztere habe sie sich schließlich entschieden, weil nur das Modedesign ihr die Möglichkeit bot, all ihre künstlerischen Interessen zusammenzuführen.

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Beseelt. Van Herpens aktuelle Haute-Couture-Kollektion heißt „Shift Souls“.(c) Reuters/Benoit Tessier, AFP/Thomas Samson.

Auf die Diskussion, ob Mode in bestimmten Ausprägungen nun eher eine Kunstform sei als die Entwicklung kommerziell verwertbarer Produkte, möchte sich Iris van Herpen nicht einlassen: „Es gibt beides“, sagt sie. Unbestreitbare Faszination üben ihre Kreationen freilich auch auf Ausstellungsgestalter und Sammlungskustoden in Museen aus, weshalb Kleider von ihr nicht selten in solchen Zusammenhängen zu sehen sind. Wichtiges Anliegen ist der Niederländerin hingegen die Weiterentwicklung dessen, wofür Mode – auch in den Köpfen der Kunden – steht. „Für mich gehört dazu ganz wesentlich auch die Arbeit an neuen Materialien und das Hervorbringen von echten Innovationen.“ Darum arbeitet sie mit Partnern aus verschiedenen Disziplinen überall auf der Welt zusammen, etwa mit dem Büro des kanadischen Architekten Philip Beesley, Forschern des berühmten Masssachusetts Institute of Technology oder auch der Universität Innsbruck: „Das sind oft Leute, die sich nicht besonders für Mode interessieren. Wenn sie aber von meinem Ansatz hören, sind sie sehr offen“, sagt van Herpen.

Voll des Lobs ist sie auch für die verschiedenen Abteilungen von Swarovski in Tirol, mit denen sie für diverse Projekte in den vergangenen Jahren zusammenarbeitete. Auch hier sei man stets darum bemüht, Lösungen zu entwickeln und Innovationen auf den Weg zu bringen. Ein Fazit könnte also lauten: Nur wenn sich viele Beteiligte monatelang gemeinsam den Kopf zerbrechen, kann am Ende einer in Übergröße an der Kärntner Straße zu liegen kommen.