Neuer Auftrag

Laut IEA gibt es nur bei wenigen Energietechnologien ausreichende Fortschritte hinsichtlich der CO2-Emissionen: ein Auftrag für die neu erstarkte Klimaschutzbewegung.

Mit dem Thema Klimawandel konnte man in den vergangenen Jahren kaum jemanden hinterm Ofen hervorlocken – in der öffentlichen Debatte war „die Luft raus“. Das hat sich nun binnen kürzester Zeit geändert. Angestoßen durch die von Greta Thunberg begründete Jugendbewegung „Fridays for Future“ ist das Klimathema plötzlich ganz oben auf der Agenda. Und man kann damit sogar wieder (EU- oder ÖH-)Wahlen gewinnen!

Da kommt eine Analyse der Internationalen Energieagentur IEA genau zur richtigen Zeit: In der Studie „Tracking Clean Energy Progress“ (TCEP) wurden die Fortschritte bei 39 Energietechnologien und -sektoren bewertet. Maßstab war ein von den Experten erarbeitetes Szenario, mit dem das Ziel des Pariser Weltklimavertrages, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, erreicht werden könnte, ohne den Zugang zu Energie einzuschränken und die Luftverschmutzung zu verschlimmern.

Das Ergebnis birgt eine Überraschung. Es war zwar zu erwarten, dass es nur bei einem Bruchteil der 39 Bereiche – konkret bei sieben – ausreichende Fortschritte gibt. Man hätte aber nicht gedacht, welche das sind: nämlich großteils Technologien, die erst in Entwicklung sind, z. B. Fotovoltaik, Biomasse, Elektroautos, Informationstechnologie und Energiespeicher. Über viele dieser Sektoren gibt es heftige politische Debatten – und dennoch (oder gerade deswegen) geht hier etwas weiter.

Erschütternd ist hingegen das andere Ende der „Fortschrittsskala“: Im globalen Maßstab nichts weitergebracht wurde bei 13 Bereichen wie etwa bei Kohlekraftwerken, der Gebäudeisolierung, dem Heizen oder beim Kraftstoffverbrauch von Autos. Auffällig ist, dass es sich v. a. um Bereiche handelt, bei denen man ganz genau wüsste, was zu tun wäre. Aber dies geschieht eben nicht. Nur ein Beispiel: Seit Jahren wird – zu Recht – beklagt, dass alle Effizienzsteigerungen bei Automotoren dadurch zunichtegemacht werden, dass immer größere Autos ver- und gekauft werden. Das Ergebnis ist bekannt: Der weltweite CO2-Ausstoß ist im Vorjahr erneut deutlich (um 1,7 Prozent) gewachsen.

Der Schluss daraus: So wichtig es natürlich ist, auf neue Themen zu setzen und innovative Technologien zu entwickeln – der Wurm liegt in den traditionellen Industrien und Bereichen: Offensichtlich muss es dort zu einem radikalen Umdenken und einer Transformation unserer Verhaltensmuster kommen. Für die neu erstarkte Klimaschutzbewegung gibt es also genug zu tun. ?


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2019)