„Zwischen den Zeilen“: Wenn Poeten über Facebook lästern

Selena (Juliette Binoche) und ihr Mann (Guillaume Canet) spielen heile Welt.
Selena (Juliette Binoche) und ihr Mann (Guillaume Canet) spielen heile Welt.(c) Filmladen

KritikWas macht die Digitalisierung mit uns? Olivier Assayas lässt in „Zwischen den Zeilen“ diskutieren. Gottlob nicht nur.

Eine Bar in einem Pariser Vorort. Eine sehr schäbige Bar, in der die Theke furniert ist und der Kaffee bitter – und wo man sich trifft, wenn man nicht gesehen werden will. Selena (Juliette Binoche) bestellt dort einen Orangensaft – und lässt ihn umgehend zurückgehen. Zu viel Eis, erklärt sie ihrem verwunderten Begleiter, einem Schriftsteller.

Nun gäbe es über diese Szene eine Menge zu berichten. Zum Beispiel, dass dieser Schriftsteller ihr Geliebter ist bzw. war, bis zu diesem Tag. Dass er gern über die Selbstentblößung via Social Media wettert, aber andererseits in seinen Romanen explizit autobiografisch wird und dabei auch seine (Ex-)Frauen und Freundinnen nicht schont. Dass Selena ihn anflehen wird, im nächsten Roman nichts über sie zu schreiben. Aber eigentlich würde es genügen, Juliette Binoche dabei zuzusehen, wie sie reagiert, als der Kellner den Orangensaft zurückbringt. Er hat einfach nur das Eis rausgefischt, das Glas ist halb leer, doch diesmal beschwert sich Selena nicht. Sie trinkt kommentarlos ihren Saft – und geht.

Das kann Olivier Assayas, das gelingt ihm in jedem seiner Filme, sogar in dem in Cannes ausgebuhten Film „Personal Shopper“, in dem er Kristen Stewart im Eurostar von Paris nach London reisen und dabei SMS beantworten ließ: eine Stimmung einfangen, etwas Alltägliches erzählen, Verletzlichkeit zeigen, manches ungesagt lassen. Nur reicht ihm das nicht. Assayas muss außerdem ein Thema verhandeln. Deshalb baut er in seine Filme meist eine Metaebene ein, in diesem Fall ist es die digitale Welt. Der Mann von Selena, die als junge Frau am Theater Erfolge gefeiert hat, aber erst durch eine Krimiserie richtig bekannt wurde, ist Verleger (Guillaume Canet). Er leitet einen Traditionsverlag, der im 21. Jahrhundert ankommen soll. Zu diesem Zweck plant er eine neue Website, E-Books, das Konzept ist noch nicht ganz ausgereift, aber dafür hat er eine junge „Digital Native“ engagiert, die alles auf den Kopf stellen möchte, lieber heute als morgen einen Twitter-Roman auf den Markt bringen würde und mit der er prompt ein Verhältnis beginnt. Und da es hier nicht nur um die Affären geht, sondern Selena, ihr Mann, der Schriftsteller und dessen Freundin auch noch gut miteinander befreundet sind, gibt es endlose Möglichkeiten, bei einem guten Glas Wein in der bildungsbürgerlichen Stube oder nach dem Liebesspiel in irgendeinem Hotel über die Digitalisierung, ihre Schrecken und Freuden zu diskutieren. Wobei der Poet (Vincent Macaigne) am biedersinnigsten argumentiert. Bei ihm begann mit Facebook der Untergang des Abendlands.

 

Witz und ziemliches Tempo

Die Debatten erreichen dabei ein hohes Tempo, haben ziemlichen Witz und ein beachtliches Niveau, da fliegen einem die Algorithmen und Blockchains nur so um die Ohren, und die Pointen gleich mit: etwa, wenn der digitalisierungsfreudige Verleger von seinem Chef erfahren muss, dass die E-Book-Verkäufe in den USA zurückgehen. Gedruckte Bücher seien wieder in! Das hatte weder der Verleger noch seine Geliebte auf dem Radar. Die obendrein bald weg ist, verschwunden aus Leben und Firma. Tja. Generation Y halt.

Trotzdem: Zuweilen wird man dieser meist im Affentempo abgespulten Debatten müde, die meisten Argumente kennt man schließlich, und man wünschte sich, die Protagonisten würden weniger reden und mehr tun. Einen Orangensaft trinken zum Beispiel. Einen Geliebten nach dem Sex umarmen und nicht mehr loslassen wollen. Eine Steckdose für ihr Handy finden. Fisch grillen. Und dabei so herzergreifend und komisch sein, wie sie das bei Olivier Assayas eben oft sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2019)