Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Martin Kusejs Antritt: Burgtheater soll sich der Vielsprachigkeit öffnen

Martin Kusej bei der heutigen Pressekonferenz.
Martin Kusej bei der heutigen Pressekonferenz.APA/HANS KLAUS TECHT
  • Drucken

Das Burgtheater wird sich „fortan nicht mehr als 'teutsches Nationaltheater' begreifen, das nur in einer Zunge spricht", so Kusej. Seine Regisseurinnen und Regisseure kommen aus 13 Ländern.

"Neue Richtungen und Ästhetiken suchen, den üblichen Mainstream verlassen und mich noch einmal einem gewissen Risiko aussetzen": Mit diesem Vorsatz tritt Martin Kusej (58) als neuer Burgtheater-Direktor an. Dem Wiener Publikum versprach der Kärntner Slowene, der zuletzt das Münchner Residenztheater leitete, ein "adäquates, zeitgemäßes Programm", das der Diversität der Stadt gerecht werde.

Heute, Donnerstag, präsentierte Kusejs nun seinen ersten Spielplan sowie sein Ensemble. Standesgemäß auf der Bühne des Burgtheaters. Mit "Die Bakchen" des Euripides in einer Inszenierung des deutschen Regisseurs Ulrich Rasche eröffnet er im September seine Direktion. Er sieht das Burgtheater als "große ideelle Basis für die, die verändern wollen oder auch die, die Orientierung suchen", wie er kürzlich verriet. (Alle Stücke sind unten am Artikel angeführt.)

Das Burgtheater soll sich der Vielsprachigkeit öffnen. "Das Burgtheater wird sich also fortan und endgültig nicht mehr als 'teutsches Nationaltheater' begreifen, das nur in einer Zunge spricht und nur auf einem Ohr hört", zitierte Kusej zu Beginn der Pressekonferenz aus dem Editorial seines ersten Spielzeitheftes. Ganze Aufführungen in anderen Sprachen kommen allerdings vorerst nicht. 

30 neue Ensemblemitglieder: Minichmayr und Moretti

"Es ist ein großartiges und wirklich großes Ensemble, das ich hier vorfinde. Dieses Ensemble ist vielleicht der wichtigste Grund für mich, hier arbeiten zu wollen", sagte Kusej, der rund 30 neue Ensemblemitglieder ans Haus bringt. Darunter finden sich heimische Stars wie Birgit Minichmayr, Tobias Moretti und Florian Teichtmeister, der das Theater in der Josefstadt somit verlassen wird, aber auch Reiner Galke vom Volkstheater. Aus dem Münchner Residenztheater bringt Kusej 14 Schauspieler mit, zudem finden sich einige Schauspieler aus Ländern wie Ungarn, Island, Israel oder Luxemburg im Ensemble - für den neuen Direktor "eine tolle Mischung": "Wir bringen andere Sprachen, andere Auffassungen und andere Kulturen hinein."

Regisseure der nächsten Saison kommen aus 13 Ländern

"Neue Regisseurinnen und Regisseure, die man in Wien noch nicht kennt", hatte Kusej versprochen. Tatsächlich kommen die Regisseure der nächsten Saison aus 13 Ländern. Und etliche haben in Wien noch nicht gearbeitet. Prominentester Neuzugang aus der insgesamt achtköpfigen Regie-Mannschaft mit deutschem Pass ist Kay Voges. Der 47-jährige Dortmund-Intendant gilt als Innovator und Experimentator. Er soll derzeit auch in der Endauswahl für die künftige Volkstheater-Leitung sein.

Aufregende Neuzugänge kommen aus Nordeuropa: Der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson hat mit Neuerzählungen der Heldensagen der "Edda" und von Ibsens "Peer Gynt" große Aufgaben zu bewältigen. Internationale Aufmerksamkeit erregte auch das estnische Duo Ene-Liis Semper & Tiit Ojasoo. Die Engländerin Katie Mitchell kennt man hierzulande - u.a. von ihren 2014 realisierten Inszenierungen "Wunschloses Unglück" im Kasino und "The Forbidden Zone" bei den Salzburger Festspielen. Ihr Landsmann Mervyn Millar ist ein international viel beschäftigter Puppendesigner und -regisseur, Kollege Ben Kidd gründete die Theatergruppe Dead Centre, die sich im Akademietheater mit Freuds "Traumdeutung" auseinandersetzen wird.

Aus Belgien kommen die Regisseurinnen und Schauspielerinnen Lies Pauwels und Anne-Cecile Vandalem, die in Wien jeweils eigene Arbeiten realisieren werden. Der Franzose Nicolas Charaux gewann 2014 mit "Abschied" das letzte "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele und inszenierte bereits unter Karin Bergmann am Burgtheater.

Der in der Schweiz geborene und in Australien aufgewachsene Regisseur Simon Stone, die Slowenin Mateja Koleznik, die zuletzt am Theater in der Josefstadt und am Stadttheater Klagenfurt arbeitete, der Ungar Kornel Mundruczo (er inszeniert in Salzburg heuer "Liliom") sowie der Kroate Oliver Frljic (er arbeitete in Graz und gastierte bei den Wiener Festwochen) sind bekannte Größen in der Theaterlandschaft.

Der auch im Film erfolgreiche 39-jährige israelische Schauspieler und Regisseur Itay Tiran ist seit dieser Saison Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart. Aus Österreich kommt neben Direktor Martin Kusej, der neben seiner Neuinszenierung der "Herrmannschlacht" vier eigene Arbeiten aus München mitbringt, und Nikolaus Habjan, der zuletzt sowohl am Burgtheater als auch am Residenztheater arbeitete und in der kommenden Saison auch am Theater an der Wien viel beschäftigt sein wird, noch Mira Stadler.

Die Premieren der ersten Saison der Direktion Martin Kusej, am Burgtheater und seinen Nebenspielstätten.

  • 12.9.2019 Burgtheater Euripides: "Die Ulrich Rasche
    Bakchen"
  • 13.9.2019 Akademietheater Wajdi Mouawad: Itay Tiran
    "Vögel" (ÖEA)
  • 14.9.2019 Burgtheater Edward Albee: Martin Kusej
    "Wer hat Angst vor Virgina Woolf?" (Ü)
  • 21.9.2019 Burgtheater Sally Potter: Anne Lenk
    "The Party" (DEA)
  • 26.9.2019 Vestibül Dino Pesut: "Der Nicolas Charaux
    (vor)letzte Panda oder die Statik" (DEA) 
  • 27.9.2019 Burgtheater Johann Wolfgang Martin Kusej
    Goethe: "Faust" (Ü)
  • Oktober 2019 Kasino Gesine Danckwart: Gesine Danckwart &
    "Theblondproject" Caroline Peters (UA)
  • Oktober 2019 Vestibül und Tove Applegren: Anja Sczilinski
    mobil "Thomas und Tryggve" (ÖEA, Ü) 
  • Oktober 2019 Akademietheater Michail Bulgakow: Ene-Liis Semper & "Der Meister und Tiit Ojasoo Margarita"
  • Oktober 2019 Burgtheater Neu erzählt von Thorleifur Örn
    Thorleifur Örn Arnarsson Arnarsson & Mikael Torfason: "Die Edda"
  • Oktober 2019 Kasino Joel Horwood nach Ingo Berk & Mervyn
    Gillian Cross: Millar "Wie versteckt man einen Elefanten?" (UA)
  • Oktober 2019 Burgtheater Friedrich Martin Kusej
    Schiller: "Don Karlos" (Ü)
  • November 2019 Akademietheater Kata Weber und Kornel Mundruczo Kornel Mundruczo, nach Victorien Sardou: "Tosca" (UA)
  • November 2019 Burgtheater Heinrich von Martin Kusej
    Kleist: "Die Hermannschlacht"
  • Dezember 2019 Akademietheater Maria Lazar: "Der Mateja Koleznik
    Henker"
  • Dezember 2019 Burgtheater Paul Wallfisch, Kay Voges Kay Voges &
    Alexander Kerlin: "Dies irae - Tag des Zorns" (UA)
  • Dezember 2019 Burgtheater Michael Frayn: Martin Kusej
    "Der nackte Wahnsinn (Noises off)" (Ü)
  • Jänner 2020 Akademietheater Dead Centre: "Die Ben Kidd & Bush
    Traumdeutung von Moukarzel Sigmund Freud" (UA)
  • Jänner 2020 Kasino Heiner Müller: Oliver Frljic "Die Hamletmaschine"
  • Februar 2020 Vestibül David Wnendt und Anja Sczilinski Tina Müller: "Kriegerin" (ÖEA)
  • Februar 2020 Akademietheater Simon Stone nach Simon Stone
    Maxim Gorki: "Die Letzten" (UA) Februar 2020 Burgtheater Nach William Sebastian Nübling Shakespeare: "This is Venice (Othello & Der Kaufmann von Venedig)"
  • März 2020 Akademietheater Franzobel nach Nikolaus Habjan
    Ladislav Fuks: "Der Leichenverbrenner " (UA)
  • März 2020 Vestibül und Roland Mia Constantine mobil Schimmelpfennig: "Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin" (ÖEA)
  • April 2020 Burgtheater Thorleifur Örn Thorleifur Örn Arnarsson nach Arnarsson Henrik Ibsen und Mikael Torfason: "Peer Gynt"
  • April 2020 Vestibül Evan Placey: Mira Stadler
    "Mädchen wie die" (ÖEA) (ab 12)
  • Mai 2020 Kasino Lies Pauwels: Lies Pauwels "Stadt der Affen"
  • Mai 2020 Burgtheater Anne-Cecile Anne-Cecile Vandalem: Vandalem "Tristesses" (DEA)
  • Mai 2020 Vestibül Siegerstück des Retzhofer Dramapreises 2019 (UA)
  • Juni 2020 Akademietheater Alice Birch: Katie Mitchell "2020 oder das Ende" (Arbeitstitel)

    UA: Uraufführung
    ÖEA: Österreichische Erstaufführung
    DEA: Deutschsprachige Erstaufführung
    Ü: Übernahme vom Residenztheater

Zur Person: Martin Kusej

Mitte der 1980er-Jahre schloss der am 14. Mai 1961 geborene Kusej sein Studium an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst ab. Seine Lehrjahre absolvierte er in der Off-Szene. Schon bald hatte das institutionalisierte Theater ein Auge auf Kusej geworfen, der mit seinen gewichtigen Raumkathedralen einen möglichst reichhaltig ausgestatteten und perfekt funktionierenden Theaterapparat auch gut brauchen konnte.

Kusejs Karriere als Opernregisseur begann in Stuttgart. Am Burgtheater inszenierte Kusej viel beachtet Grillparzers "Weh dem, der lügt!" (1999), Schönherrs "Glaube und Heimat" (2001) und Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" (2002).

Mit Nikolaus Harnoncourt verzeichnete er große Erfolge mit den gemeinsamen Salzburger-Festspiel-Produktionen des "Don Giovanni" und des "Titus", die Zürcher "Zauberflöte" jedoch wurde mit Buhrufen vom Publikum bedacht. Für "Höllenangst" von Johann Nestroy erhielt Kusej 2006 den "Nestroy". Ab 2007 begann dann die Hinwendung nach München. Nachdem aus seiner Bestellung als Burgtheater-Direktor nichts geworden war, wurde er 2011 Intendant am Bayerischen Staatsschauspiel.

Als Matthias Hartmann schließlich 2014 aus dem Burgtheater entlassen wurde, kursierte sogleich Kusejs Name in den Feuilletons. Der winkte jedoch ab und verwies auf seinen laufenden Vertrag in München. "Ich kenne das Burgtheater enorm gut und wünsche ihm, dass es sich in Ruhe und Frieden und kreativ wiederfinden und den gigantischen Schuldenberg abbauen kann", so Kusej damals gegenüber Medien: "Wenn der abgebaut ist, dann höre ich auch wieder hin, wenn jemand ruft.“ Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann baute ab, und Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) rief.

(APA/red.)