Schnellauswahl

„The Dead Don't Die“: Zombies, die nach Wi-Fi stöhnen

Bill Murray (links) wappnet sich im neuen Jarmusch-Film als Polizist für die Apokalypse.
Bill Murray (links) wappnet sich im neuen Jarmusch-Film als Polizist für die Apokalypse.(c) UPI

Kritik In Jim Jarmuschs jüngstem Film „The Dead Don't Die“ kraxeln die Toten zum x-ten Mal aus ihren Gräbern: ein Sinnbild sozialer Missstände. Ist die Wiedergänger-Metapher längst vermodert – oder doch unerschöpflich?

Als der Prototyp des modernen Kino-Zombies seinem Grab entstieg, war er duftfrisch und naturbelassen. George A. Romeros „Night of The Living Dead“ schockierte das Publikum nicht zuletzt mit der Neuartigkeit seines Konzepts. Hier wurde nichts erklärt, alles nur vage angedeutet: Warum die Toten plötzlich auf der Erde wandeln, getrieben von der Gier nach Menschenfleisch, blieb rätselhaft. Kein übernatürliches Element ermöglichte Distanz zum Schrecken, der so in unangenehme Nähe zur Realität rückte.

Das traf den Zeitgeist der späten Sechziger. Fernsehbilder brachten Kriegsgewalt aus Vietnam in westliche Wohnzimmer. Der gewaltsame Widerstand gegen die Bürgerrechtsbewegung und die Spannungen des Kalten Kriegs prägten das Bewusstsein. Am 4. April 1968 fiel Martin Luther King Jr. einem Attentat zum Opfer. Knapp sechs Monate später feierte Romeros Film Premiere. Seine schwarze Hauptfigur gerät zum Schluss ins Fadenkreuz einer Hinterwäldler-Bürgerwehr. Und wird erschossen.

Doch das symbolische Potenzial von „Night of The Living Dead“ erschöpfte sich nicht im Gegenwartsbezug. Romero hatte eine geniale Universalmetapher geschaffen, die für so gut wie alles stehen (und torkeln) konnte. Der britische Filmkritiker Robin Wood sprach in Bezug auf die Nachkriegsrenaissance des US-Horrorfilms auch von einer „Wiederkehr des Verdrängten“.

 

Untote Babyboomer im Konsumrausch

Was genau hier in Form blutrünstiger Kadaver (und anderer Schreckgespenster) aus den Untiefen des Unbewussten kroch, lag im Auge des Betrachters. Aber die meisten Kommentatoren waren sich einig, dass es um Gesellschaftliches ging. Der Zombie geriet zum Sinnbild marginalisierter Gruppen, kollektiver Traumata und Verblendungen. Das wirkte auf das Kino zurück.

Niemand verwertete den Metadiskurs des jungen Genres so effektvoll wie dessen Urheber. In „Dawn of The Dead“ (1978) ließ Romero Leichen durch ein Einkaufszentrum staksen, quasi Babyboomer im Konsumrausch. Sieben Jahre später stellte „Day of The Dead“ die Frage: Können Zombies wieder Menschen werden? Und im unterschätzten Spätwerk „Land of The Dead“ (2005) solidarisieren sich ausgebeutete Untote gar zu einer Widerstandsbewegung.

Die Urangst, die all diesen (Horror-)Szenarien innewohnt, betrifft den Verlust des freien Willens. Im Unterschied zu anderen Leinwandungeheuern verweist der Zombie nicht auf äußerliches Grauen. Er ist unheimlich, weil uns ähnlich: ein Mensch, weder tot noch lebendig, reduziert auf Triebe und soziale Automatismen. Die Vorstellung verweist auf den Ursprung des Zombiebegriffs. Im Dunstkreis des haitianischen Voodoo-Kults bezeichnete das Wort Verstorbene, die reanimiert wurden – teils für Sklavendienste.

Die ersten Zombiefilme der Kinogeschichte zapften diesen Mythos an. Am eindringlichsten Jacques Tourneurs dunkel-romantischer Klassiker „I Walked With A Zombie“ (1943), der in der Karibik spielt – koloniale Unterdrückungszusammenhänge schwingen hier bereits mit. Auch den kapitalismuskritischen Impetus Romeros zeichnete ein „klassischer“ Zombiestreifen vor: In „The Plague of The Zombies“ (1966) schuftet untotes Menschenmaterial in der Zinnmine eines Großgrundbesitzers.

Erstaunlich, wie lang sich die Metapher gehalten, wie viele Sternstunden der Popkultur sie befördert hat. Doch dass sie sich im Stadium fortgeschrittener Verwesung befindet, lässt sich kaum abstreiten. Spätestens seit eine eigenständige Filmgattung „Zombiekomödie“ existiert, fällt es schwer, Untote als Allegorie ernst zu nehmen.

Totzukriegen sind sie trotzdem nicht. Das weiß auch Kultfilmer Jim Jarmusch. Sein jüngster Genre-Exkurs heißt entsprechend: „The Dead Don't Die“. Ob sich das auf Heiner Müller bezieht, der sagte, es sei ein Irrtum, dass die Toten tot sind? Dem anspielungsfreudigen Querdenker Jarmusch wäre der Wink zuzutrauen. Grundsätzlich bleibt seine jüngste Arbeit aber im Referenzrahmen des Zombiefilm-Kanons. Und frönt der Wiederkunft des ewig Gleichen.

 

Jarmusch ist absichtlich Epigone

Denn neu ist nichts an dieser augenzwinkernden Gruselklamotte, die heuer die Filmfestpiele von Cannes eröffnete. Im US-Nest Centerville spuckt der Friedhof seinen Inhalt aus. Die Dorfbevölkerung wappnet sich für die Apokalypse, darunter ein ungleiches Polizistenduo (Adam Driver und Bill Murray). Man tut sein Bestes, um der Lage Herr zu werden. Und weiß doch von Anfang an: „This isn't going to end well.“ Ein Mantra, das mehrfach wiederholt wird. Wie der Titelsong des Country-Sängers Sturgill Simpson. Redundanz als Prinzip, auch selbstironisches Einbekenntnis eigenen Epigonentums. Jarmusch pfeift nachdrücklich auf Originalität. Romeros Subtext hat für ihn keinerlei Brisanz verloren, wozu einen eigenen dichten? Auch hier hängen die Exhumierten alten Gewohnheiten nach, starren auf Smartphones, stöhnen nach Wi-Fi. Iggy Pop, Spezi des Regisseurs, gibt eine besonders schöne Leich. Ihr Monovokabular: „Kaffee!“

Ansonsten: tiefenentspannte Untergangsstimmung. „The Dead Don't Die“ versteht sich auch als Politparabel über Klimawandel und die Ära Trump. Wenn die Menschheit aus 100 Zombiefilmen nicht klug geworden ist, meint Jarmusch, hilft vielleicht der 101. Sein Motto verkündete der Oberhipster schon 2014 mit dem Titel der Vampirballade „Only Lovers Left Alive“. Diesmal gibt es dafür keine Garantie. Wirkliche Chancen haben nur Sonderlinge, die man in ruhigen Zeiten scheel beäugte. Verkörpert werden sie von Tom Waits und Tilda Swinton: Letztere schwingt als Bestatterin ein Samuraischwert. Und wird am Ende von einem UFO geschluckt. Nur Normalos bleiben im Jammertal zurück, müssen sich mit Zombies und Zombiefilmen herumschlagen – vor allen Dingen aber mit sich selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2019)