Malerei: Exotismus, Kick für Überforderte

Melancholische Traumbilder: „Bather (Night Wave)“ und „Bather (Sings Calypso)“ von Peter Doig in der Secession. Der Maler lebt auf Trinidad.
Melancholische Traumbilder: „Bather (Night Wave)“ und „Bather (Sings Calypso)“ von Peter Doig in der Secession. Der Maler lebt auf Trinidad.(c) Hannes Böck

100 Jahre nach Klimt und Gauguin spielen Maler wieder mit dem Exotismus, zwei Ausstellungen zeugen davon: Peter Doig in der Secession, Sean Scully in der Albertina.

Damien Hirst malt zur Zeit in einem idyllischen Maleratelier in London tatsächlich eigenhändig tatsächlich so etwas Kitschiges wie die Kirschblüte, in riesigen Gemälden voll weißer und rosafarbener Tupfen. Sean Scully, der Hard-Edge-Streifen-Maler, zeigt in der Albertina plötzlich große Idyllengemälde seines kleinen Sohnes, der am karibischen Strand von Eleuthera spielt. Und Peter Doig bringt mit seiner aktuellen Einzelausstellung in der Secession seine berühmten verrätselten Mythen-Collagen aus Trinidad erstmals nach Wien.

Naiv oder intellektuell überbaut – das Spiel mit der Schönheit des Exotismus ist in der heutigen Malerei nicht zu übersehen. Was ist das nur für ein Flashback, gut 100 Jahre, nachdem um 1900 die europäischen Avantgarden von Jugendstil bis zum Expressionismus sich von der Kunst Afrikas und Asiens den letzten Kick geben ließen? Es wird von diesen so unterschiedlichen, auf ihre jeweilige Weise aber einflussreichen Malern natürlich als Zitat verwendet, das nicht zufällig gerade jetzt so strapaziert wird.

 

Zeugnis der Verunsicherung

Um 1900 suchten die Maler von Klimt über Gauguin bis Nolde angesichts der die Menschen überfordernden Moderne samt ihrer rasanten Entwicklungen, nicht nur technisch, mit der beginnenden Emanzipation auch gesellschaftlich, eine Selbstsicherheit, eine Selbstvergewisserung im Kontrast mit fernen Zivilisationen. Entweder durch genüsslichen ästhetischen Eskapismus. Oder durch die Suche nach einer scheinbar ursprünglichen Koexistenz von Mensch und Natur. Heute sind wir wieder überfordert, technisch, gesellschaftlich. Ein Strang der Kunst zieht sich in die Virtual Reality zurück oder, besser noch, zieht dorthin voran. Ein anderer versorgt uns in einer melancholischen Geste mit Traumbildern, gesampelt aus der Kulturgeschichte des Exotismus.

Niemand kann das so virtuos wie Peter Doig, dieser vom Kunstmarkt so verschlungene, 1959 in Schottland geborene und auf Trinidad lebende Maler. In Wien hatte er einen ersten großen Auftritt 2018 im Kunsthistorischen Museum: In der Gruppenausstellung „Shape of Time“ hing damals als zeitgenössischer Kommentar zum Bruegel-Saal das grandiose Großformat „Two Trees“, gemalt wie eine modernistische Südseefantasie samt Mond, Meer und Bäumen. Statt „Eingeborener“ stehen aber geisterhaft drei Schwarze in heutiger Kleidung. Der Auftritt im KHM war wie ein Auftakt zur Secessions-Schau, Doigs erster Einzelausstellung. Die streng an den Wänden gehängte Bilderschau macht zunächst schwindelig vor Referenzen – von Gauguin bis zum österreichischen Exotismus-Maler der Neuen Wilden, Hubert Schmalix, falls Doig diesen überhaupt kennt. Beginnt man mit dem Enträtseln der Motive, vom Löwen über den Mann mit Badehose, beginnt auch der Respekt vor dieser kulturgeschichtlichen Collage. Es ist das Rastafari-Symbol des Löwen von Juda, den Doig in Trinidad als Wandzeichnung immer wieder sieht, auch an den Wänden des hier gemalten Gefängnisses etwa. Doig lässt ihn von der Wand steigen – und verschmilzt ihn so auch mit dem traurigen Löwen, den er immer im Zoo von Trinidad besucht. So geht es plötzlich um sehr viel, um Ausbruch, Wildheit, Zähmung, Kolonialisierung, von Natur wie Zivilisationen. Der Mann mit Badehose zitiert übrigens ein Foto von Hollywoodstar Robert Mitchum, der auf Trinidad einst den Calypso kennenlernte – und mit einer eigenen Platte, der damaligen Exotismus-Musikmode folgend, Geld zu machen versuchte.

 

Vom Unfalltod eines Sohnes

So viel muss man bei Sean Scullys neuen Bildern in der Albertina nicht mitbedenken. In der Pfeilerhalle wird ein Motiv immer neu variiert: Der im Sand spielende, kleine Sohn des 1945 in Irland geborenen, in den USA lebenden Malers, der in den 1970er-Jahren durch abstrakte Streifenbilder im Zuge der Hard-Edge- bzw. Colourfield-Malerei berühmt wurde. Den Unfalltod seines älteren Sohns in Kopf und Herz, verlor sich Scully beim Urlaub auf der Karibikinsel Eleuthera im Anblick des Spiels des spätgeborenen jüngeren. Nach Fotos malte er dann diese Szene wieder und wieder, mit breiten Pinselstrichen auf Aluminium, das immer wieder auch durchscheint. Genauso wie Scullys eigene Jugend hier durchscheint, in der er von den französischen Fauves und deutschen Expressionisten fasziniert war. Eine Meditation über Vergangenes und Vergehendes. Darin berühren sich Doig und Scully – sogar mit Damien Hirst und seiner viel zu schönen Kirschblüte, die so kurz nur währt.

Peter Doig, Secession, bis 16. Juni. Sean Scully, Albertina, bis 8. September.