Anna Maria Krassnigg: „Da klebt Geschichte dran“

Anna Maria Krassnigg in den Wiener Neustädter Kasematten (im Hintergrund ihr Kompagnon Christian Mair).
Anna Maria Krassnigg in den Wiener Neustädter Kasematten (im Hintergrund ihr Kompagnon Christian Mair).(c) Christian Mair

Anna Maria Krassnigg verlässt den Thalhof in Reichenau: In den Kasematten Wiener Neustadts will sie sich Europa und seinen Tyrannen widmen.

Eigentlich ist es ja noch eine Weile hin. Andererseits ist die Vorfreude bei Stadt und Land offenbar so groß, dass man unbedingt noch vor dem Sommer an die Öffentlichkeit gehen wollte. Und genau genommen, sagt Anna Maria Krassnigg, komme ihr das auch ganz gelegen, angesichts der vielen Fragen von Journalisten und Publikum: Ob das wahr sei, dass sie den Thalhof in Reichenau nicht mehr mache? Man habe geglaubt, das laufe zumindest noch dieses Jahr.

Also: Nein. Nach vier Jahren, in denen Krassnigg allen anfänglichen Unkenrufen zum Trotz hochkarätiges Theater, aber auch Literatur, Geisteswissenschaften und Diskurs an den geschichtsträchtigen Fuß der Rax gebracht hat, ist diesen Sommer bereits wieder Schluss. Eben weil es so gut gelaufen sei, eine Vergrößerung des Festivals aber mit dem Ruhebedürfnis der privaten Mieter des nunmehr renovierten Thalhofs nicht ganz in Einklang zu bringen sei. Und eben, weil es da dieses Angebot aus Wiener Neustadt gab.

Dessen Bürgermeister Klaus Schneeberger hatte mit Freunden längst inkognito Thalhof-Veranstaltungen besucht, eher er Krassnigg seinen Vorschlag unterbreitete. „Er weiß, dass ich jemand bin, der gerne verwundete Räume bespielt. An einem Gebäude wie den Kasematten aus der Früh-Renaissance, da klebt die Geschichte dran“. Ursprünglich als Waffen- und Pulverlager der einstigen Wehrstadt errichtet, suchten hier die Menschen im 2. Weltkrieg Schutz vor der Bombardierung. Nach Jahrzehnten, in denen die Kasematten nicht zugänglich waren, wurden sie für die heurige niederösterreichische Landesausstellung renoviert.

Die Schau „Welt in Bewegung“ widmet sich vor allem Wiener Neustadt: Mit dem Lösegeld für Richard Löwenherz gegründet, war die Stadt lange bekannt für Innovation und Bewegung vor allem im Fahrzeug- und Flugzeugbau; ihr Schattendasein, so Krassnigg, begann erst mit der Zerbombung. Außer Dresden habe damals kaum eine Stadt derart erlebt, „was Krieg in Europa anrichten kann.“ Ab 2020 will Krassnigg, neben ihrer Regie-Professur am Reinhardt-Seminar, die Kasematten nun zu einem europäisch gedachten Theaterort machen. „Eine ganz eigene Welt“, sagt sie über die unterirdische Landschaft, weder feucht noch kalt, mit hohen Räumen, weißen Mauern, und neuerdings sogar einem Heizsystem. Drei Hauptsäle gibt es, dazu eine Landschaft von Ecken, Winkeln, Treppen, Fluchten.

„Bloody Crown“

Das Programm folgt ihrem „Ruf und Echo“-Modell vom Thalhof: Ein klassischer Stoff in einer zeitgenössischen Fassung, dazu ein zeitgenössischer Text, beides ergänzt durch eine Wissenschaftsschiene. Das zentrale Narrativ des Raums habe dabei mit der Bauzeit zu tun, dem Übergang vom Spätmittelalter zur Renaissance.

Der damalige Zeitgeist, „mit Shakespeare gesagt eine Zeit, wo die Erde offen ist, und überall die neuen Tyrannen regieren“, ähnle dem heutigen. Nicht umsonst würden Serien von „House of Cards“ bis „Game of Thrones“ boomen. „Das ist das Narrativ des Königsdramas“. Mit dem will sie arbeiten, Übertitel für die ersten drei Spielzeiten wird „Bloody Crown“, in der bewussten Doppeldeutigkeit mit „verflixt“: Weil es ja nicht nur um den König geht, sondern auch um die Scheiß-Verantwortung. Wer möchte die denn gern übernehmen, und was möchte er dafür als Entschädigung?“

Zur Person

Anna Maria Krassnig hat nach dem Reinhardt-Seminar in Deutschland Stadt- und Staatstheatern gearbeitet, in der Schweiz und Benelux-Ländern in der freien Szene. Sie unterrichtet am Reinhardt-Seminar, ihre Leidenschaft gilt Theater in „verwundeten Räumen“, darunter Brick 5, Nestroyhof, Ankerbrotfabrik oder Metrokino. 2015 bis 2018 bespielte sie mit ihrem Ensemble Wortwiege den Thalhof, ab 2020 die Wiener Neustädter Kasematten. Wissenschaftlicher Leiter der Diskurs-Schiene wird Wolfgang Müller-Funk.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2019)