Die Geister des Rassismus

Colson Whitehead hat sich den Ruf erschrieben, einer der vielseitigsten US-Autoren zu sein.
Colson Whitehead hat sich den Ruf erschrieben, einer der vielseitigsten US-Autoren zu sein.Peter-Andreas Hassiepen

In „Die Nickel Boys“ exhumiert Colson Whitehead eine wahre Geschichte von Folter, Missbrauch und Mord in einer sogenannten „Besserungsanstalt“ im Florida der 1960er-Jahre.

Ein verschrumpeltes Lexikon – den ersten Band von A bis Bar – und eine zerkratzte Schallplatte mit Reden Martin Luther Kings, die er wie eine Bibel in Ehren hält und die ihn ins Verderben stürzen wird, ist alles, was Elwood an irdischem Besitz hat. Der 16-Jährige ist ein Einserschüler, der im Nebenjob an einem Kiosk im Schwarzenviertel Frenchtown in Tallahassee ein paar Dollar verdient, um sich seinen Traum vom College zu erfüllen. Seine Eltern haben ihn schon als Baby im Stich gelassen. Er lebt bei seiner Großmutter Hattie, die sorgsam darauf achtet, dass er nicht wie andere Teenager als Tagedieb in den Straßen herumstreunt.

Colson Whiteheads Roman „Die Nickel Boys“ ist zu Beginn der 1960er-Jahre im Norden Floridas angesiedelt, als die Rassentrennung im Süden der USA noch allgegenwärtig war, die Bürgerrechtsbewegung mit ihren Protesten aber bereits Tallahassee erreicht hat. Im Box-Champion Cassius Clay sowie im Motown-Sound kommt neues afroamerikanisches Selbstbewusstsein zum Ausdruck. Mit Anzug und Krawatte hat sich Elwood für seine erste Demonstration zurechtgemacht, in der Schuluniform macht er sich auch auf zu seinem ersten Tag im College, als ihn unversehens die unbarmherzigen Jim-Crow-Gesetze aus seiner abgezirkelten Welt reißen. Weil er sein Rad nicht für funktionstüchtig hält, will er die wenigen Meilen per Autostopp zurücklegen. Eine fatale Entscheidung: Der Schwarze, der ihn mitnimmt, hat die schwanzflossige Plymouth-Limousine gestohlen. Die Polizei ist ihm auf den Fersen.


Ort des Martyriums. Mitgehangen, mitgefangen: Ein Schnellgericht verurteilt Elwood zum Frondienst in einer Besserungsanstalt, der „Nickel Academy“. Ein Ort des Martyriums für 600 jugendliche Delinquenten, separiert in Weiß und Schwarz, der Willkür und Folter der Aufseher ausgesetzt, mit strikter Hierarchie und Entwicklungsstufen vom „Wurm“ über den „Entdecker“ und den „Pionier“ bis zum „As“. Ein absurdes Beförderungssystem bis zur ersehnten Freilassung.

„Sogar als Tote machten die Jungs noch Ärger.“ Whiteheads lapidarer Eröffnungssatz knallt wie die Peitsche, sarkastisch „Black Beauty“ genannt, die auf die malträtierten Körper niedergeht und Hautfetzen herausreißt. Whitehead gräbt die Schicksale von Elwood, Turner oder Jamie aus. Ein Bericht von Leichenfunden mit Schusswunden am Areal einer aufgelassenen Jugendanstalt in Florida diente ihm als Vorlage für die fiktive Geschichte, in der er skizzenhaft Gewalt, Gräuel und Korruption ausleuchtet. Oft belässt er es bei Andeutungen: Es reicht die beklemmende Stille im Schlafsaal. Das dröhnende Rauschen des Ventilators, das die Schreie übertönt, die „Eiscremefabrik“, das „Weiße Haus“, die „Lovers Lane“ – Chiffren für den Missbrauch, allesamt ausgerichtet, die Jugendlichen zu brechen und zu entwürdigen.


Die Zehn Gebote zählen hier nichts. Elwood und sein Freund Turner, die sich zur Flucht zusammentun, personifizieren den unterschiedlichen Umgang mit dem Horror: der eine ein Idealist, der Ungerechtigkeit bekämpft und das System anprangert, der andere ein streetsmarter Egoist, der sich zu arrangieren versteht. Die Erinnerung an Martin Luther Kings hehre Predigten, die Whitehead als Zitate einstreut, halten Elwood aufrecht. Doch er muss zugleich einsehen, dass im Überlebenskampf in der Anstalt die Gesetze der „Nickel Academy“ die Zehn Gebote übertrumpfen: „Du sollst nicht lieben, denn man wird dich im Stich lassen; du sollst nicht vertrauen, denn man wird dich verraten; du sollst nicht aufbegehren, denn man wird dich Mores lehren.“

„Underground Railroad“, die Geschichte über das Netzwerk zur Flucht aus der Sklaverei im 19. Jahrhundert, brachte Colson Whitehead den Pulitzer-Preis und den National Book Award ein. In „Die Nickel Boys“, einem knappen, mit Rück- und Vorblenden famos komponierten Roman mit einer spektakulären Volte, exhumiert er die Geister des Rassismus in den 1960er-Jahren, die noch in der Gegenwart herumspuken, und wirft ein Schlaglicht auf ein weiteres dunkles, skandalöses Kapitel der US-Geschichte.

Neu Erschienen

Colson Whitehead
Die Nickel Boys

Übersetzt von Henning Ahrens

Hanser

224 Seiten
23,70 Euro