Kunsthalle Wien: Kunst mit Kapitalistenschweinen

Ja, hier finden Enthemmungen statt, und hier darf man unordentlich sein: Gelatin beim Proben der Orgie beziehungsweise bei den Vorbereitungen für die Filmaufnahmen von „Stinking Dawn“ in der Kunsthalle Wien.
Ja, hier finden Enthemmungen statt, und hier darf man unordentlich sein: Gelatin beim Proben der Orgie beziehungsweise bei den Vorbereitungen für die Filmaufnahmen von „Stinking Dawn“ in der Kunsthalle Wien.(c) Lorenz Seidler

Gelatin spielen wieder, diesmal drehen sie einen Film, gemeinsam mit Liam Gillick. Das Setting erinnert ein bisschen an eine Mühl-Kommunen-Persiflage.

Sicher nicht zufällig glaubt man auf den ersten Blick, man sei in der Kinderbastelausstellung gelandet, die vorigen Sommer in der unteren Wiener Kunsthalle aufgebaut war: Eine ganze Stadt aus lauter Kartons, durch die man krabbeln, die man verändern und in der man Kunst aufspüren konnte. Es ist aber Gelatin, die sich hier eingerichtet haben – heute würde man sagen das Künstlerkollektiv, Anfang der 2000er-Jahre sagte man noch gerne Künstler-Boyband zu ihnen.

Die Herren scheinen tatsächlich auch seriös geworden zu sein, denkt man an frühere Environments, in die sie einen schon gebeten haben: An die unheimlich weite Gatsch-Orgie im Bregenzer Kunsthaus, an die miefig-sinnliche Erlebnissauna in einer Londoner Galerie oder an das Steinbruchgemetzel aus Styropor im 21er Haus.

Das Styropor ist geblieben, nur ist es jetzt dunkelgrau, übereinandergeschichtet wie Bauklötze zu einem dystopisch wirkenden Bühnenbild – hier ein Amphitheater, da ein Laufsteg, dort höhlenartige Gänge. Man atmet fast auf, ein bisschen Humor: Ein monströser Franz-West-Diwan als Riesenspielzeug. Sich fühlen wie ein Kind, in den Größenverhältnissen, im Sichgehenlassen, in der analen Phase, im Spielen und Verkleiden. Diese Enthemmungen, diese Grenzüberschreitungen, zu denen man sich als Erwachsener gelernt hat überwinden zu müssen, dafür sind Gelatin bekannt, dafür lieben wir sie sogar ein bisschen. Und es wären nicht sie, wenn sie diese Praxis hier völlig aufgegeben hätten. Aber irgendwie, es ist nicht dasselbe. Es ist so ernst diesmal.

Es wird nämlich ein Film gedreht. Mit einem prominenten Künstler als Regisseur, einem Engländer, der in New York lebt, einem internationalen Konzeptkunst-Pop-Feger (Bühnenshow für New Order!): Liam Gillick, den Nicolas Schafhausen, der mittlerweile schon abgetretene Kunsthallen-Direktor, 2009 als Deutschland-Vertreter zur Biennale nach Venedig geschickt hat. Und den er später, in Wien, den Gelatins als Partner vorgeschlagen hat. Gillick soll vorwiegend auch das Skript für den Film geschrieben haben, den er mit den Gelatins hier in diesen ersten Tagen der Ausstellung (bis 14. Juli noch!) dreht – inklusive allen, die dabei mitmachen wollen.

 

Wilde Tänze einer Barbusigen

Aber wer tut das schon, wer steckt sich schon begeistert einen Pinsel in den Po, um seine Rolle als Mal-Sklave einzunehmen – und lässt sich dabei auch noch filmen? Das Publikum der Vernissage war als Konzertpublikum da noch auf der vergleichsweise sicheren Seite, auch wenn zur bisschen späteren Stunde eine Barbusige wilde Tänze aufführte . . . Das erinnerte doch an eine Mühl-Kommunen-Persiflage, inklusive des Filmdrehens, was man dort ja auch gerne tat, ebenfalls mit Stargästen. Das Skript zielt inhaltlich in dieselbe Richtung, kann aber auch als allgemeine zivilisatorische Legende gelesen werden: Bürgerliche Söhnchen (bei Mühl waren es auch Töchterchen) ziehen aus, um das System der „neoliberalen pigs“ zu zerstören, das sie nährte. Sie werden Revolutionäre – und scheitern am Ende. „Stinking Dawn“, stinkende Morgendämmerung, lautet der Filmtitel denn auch.

 

„Vivre et penser comme des porcs“

Wie genau das bei Gelatin aussieht – vielleicht besser gesagt: Wie sich das anfühlt –, das muss man sich entweder tagtäglich in der Kunsthalle als Statist reinziehen. Oder eben auf den fertigen Film warten. Die ganze Geschichte wurde jedenfalls inspiriert vom 1998 erschienenen Buch „Vivre et penser comme des porcs“ (auf Englisch: „To Live and Think Like Pigs – The Incitement of Envy and Boredom in Market Democracies“) des französischen Philosophen und Mathematikers Gilles Châtelet. Das erklärt einem das Booklet, das jeder bekommt, der das Filmset betritt. Beziehungsweise nach Ende des Drehs die karge, bühnenhafte Skulptur, die übrig bleibt.

In dieser stand man vorige Woche noch ein wenig verloren, versuchte die Inschriften zu lesen, die großteils verkehrt oder in Spiegelschrift auf die grauen Ruinen einer einmal so bunten Kindheit geschrieben wurden. „Euphoria“ steht da. Oder am Schlagzeug „Live like pigs“, Ja. Eh. Kapitalistenschweine. Und „Can we tickle your feet?“ – das trifft es wohl am ehesten.

Stinking Dawn: Bis 14. Juli läuft der Filmdreh, man muss als Besucher eine Einverständniserklärung unterschreiben, gefilmt zu werden. Bis 6. 10. läuft dann die Ausstellung, Dienstag–Sonntag 11–19 Uhr, Donnerstag 11–21 Uhr.