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Achtung, dieses Wort gibt es in Wirklichkeit gar nicht

Die Altlateiner sind schuld an nichtsdestotrotz. (Szene aus "Gladiator" mit Russell Crowe)
Die Altlateiner sind schuld an nichtsdestotrotz. (Szene aus "Gladiator" mit Russell Crowe)Dreamworks

Nichtsdestoweniger bleibt die Frage, warum wir nichtsdestotrotz nichtsdestotrotz verwenden.

Wenn ein Witz außer Kontrolle gerät und als vermeintliche Wahrheit verbreitet wird, ist wohl etwas schiefgelaufen. Der gleiche Effekt kann auch in der Sprache passieren. Sie wissen schon, wenn Sie lang genug scherzhaft „thank you very many“ sagen, wird es Ihnen irgendwann auch gegenüber Menschen herausrutschen, die den Spaß dahinter nicht durchschauen. Wer eine scheinbar endlos dauernde Beschäftigung als Syphilisarbeit bezeichnet, wird ein ähnliches Schicksal erleiden. Und vermutlich gibt es gar nicht so wenige Menschen, die glauben, dass die weiße Sauce über den Champignons tatsächlich Sauce Trara heißt.

Doch wie wir wissen, wandelt sich Sprache – wenn genügend Menschen einen Fehler lang genug machen, wird er bald nicht mehr als solcher erkannt, gilt womöglich irgendwann als richtig und wird auch bedenkenlos eingesetzt. Aus Spaß wurde Ernst. Ein Beispiel gefällig? Nun, nehmen wir das gern verwendete Wort nichtsdestotrotz. Das ist nämlich ein sprachlicher Holler, weil auf ein desto nur ein Komparativ folgen kann. Je weniger ich lese, desto weniger weiß ich, zum Beispiel. Schuld an der Wortkreation waren einst offenbar Philologen, die die beiden möglichen Übersetzungen von „neque eo setius“ aus dem Lateinischen spaßhalber vermischten. Und so wurde aus nichtsdestoweniger und trotzdem das scherzhaft verwendete Kofferwort, das im Lateinunterricht auch noch zu nihilo trotzquam verballhornt wurde. Doch gelangte der Scherz aus dem Kreis der wissenden Philologen heraus und verbreitete sich ernsthaft gemeint weiter. Tja.

„Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“, geht alten Lateinern jetzt also jedes Mal durch den Kopf, wenn jemand etwas nichtsdestotrotz tut. Das gilt auch für Sie! Also lassen Sie dieses Wort bitte sein – im Ernst, seien Sie doch nicht so nichtsdestotrotzig!

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2019)