Weine wie vor 6000 Jahren

Weine 6000 Jahren
(c) Reuers (Paolo Bona)

Sie füllen Weine in Ton-Amphoren und vergraben sie im Boden. Renommierte heimischer Winzer nähern sich mit diesen Methoden der Wiege des Weinbaus. Diese steht in Georgien. Eine Weinreise in die Vergangenheit.

Wien. Sepp Muster ist noch Weinbauer geblieben. Er ist kein PR-Agent, wie die meisten Winzer mittlerweile. Marketingchef und Nebenerwerbsvollerwerbsweinbauer, so könnte die Berufsbezeichnung eines erfolgreichen Winzers lauten. Das Weingeschäft ist schnelllebig geworden und unterliegt Modetrends. Da muss man ständig auf der Hut sein.

Sepp Muster aus Leutschach in der Südsteiermark hat dem Zeitgeist den Rücken zugekehrt. Er will einen Wein keltern, dessen Geschmack immer wieder eine Überraschung birgt. „Heute greift man in ein Supermarktregal und weiß schon, wie etwas schmecken wird“, sagt er. „Das ist kein Genuss. Wer die Ungewissheit nicht zulässt, kann nicht genießen.“

Seit sechs Jahren beschäftigt sich Muster mit Amphorenweinen. Es handelt sich um die ursprünglichste Art, Wein zu keltern. „Die Tradition ist 6000 Jahre alt und stammt aus Georgien“, erzählt der Steirer. Muster ließ sich aus Georgien zwei dieser 600 Liter fassenden Tongefäße liefern. 2005 machte er damit seinen ersten Wein.

 

Ton-Amphoren unter der Erde

Die Amphoren werden ins Erdreich eingegraben. Die Trauben werden mit den Füßen gestampft und dann eingefüllt. Nachdem der Most in der Amphore unter freiem Himmel vergoren ist, wird der Behälter während der Wintermonate mit einer 50 Zentimeter dicken Erdschicht bedeckt. „Damit der Wein nicht gefriert.“

Erst im Frühjahr wird die Maische rausgeschöpft und gepresst. Danach wird der Wein wieder in die Amphore gegossen, um weiter zu reifen. „Es ist wichtig, dass diese Gefäße eine dünne Wand haben“, erzählt Muster. „In Georgien werden sie aus einem speziellen Lehm gebrannt“, erzählt er.

Die dünne Wand bewirke einen optimalen Energieaustausch, meint der Winzer. Beim Amphorenwein gehe es darum, die Energie der Erde auf den Wein wirken zu lassen.

Mittlerweile ist Muster nicht allein auf seiner Reise zur Wiege des Weines. Und diese Reise ist auch keineswegs nur geografisch gemeint. Es geht um eine Rückbesinnung. Dazu gehört auch, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen. Muster und vier steirische Winzerkollegen haben sich zu einer „Wertegemeinschaft“ zusammengeschlossen. Diese nennt sich „Schmecke das Leben“. Kein PR-Texter würde sich morgen noch zu Wein & Co am Naschmarkt auf ein Gläschen Bordeaux wagen, hätte er solch einen Slogan kreiert.

Die fünf Winzer setzen auf biodynamischen Weinbau. „Es gibt keine Nützlinge und Schädlinge“, sagt Franz Strohmeier aus St. Stefan ob Stainz in der Weststeiermark. Diese Definitionen kämen vom Menschen. In der Natur habe alles einen Grund und eine Funktion. Durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wurden die Weinstöcke verweichlicht, meint Strohmeier. Die Reben und Trauben bildeten keine Abwehrkräfte, weil sie ohnehin von der Chemie „beschützt“ wurden. Strohmeier achtet auf die „Vielfalt der Organismen“ in seinen Weingärten. Er tut dies, weil sein Wein dadurch besser wird, erzählt er.

Strohmeier hat sich mit seinem Schilcher-Sekt einen Namen gemacht. Seit drei Jahren wird dieser Sekt nicht mehr geschwefelt. Mittlerweile produziert er auch Schilcher und Chardonnay ohne Zusatz von Schwefel. Schwefel wird dem Wein zugesetzt, um ihn haltbar zu machen. Strohmeiers Weine sind auch ohne Schwefel wochenlang in der offenen Flasche trinkbar.

Auch Ewald Tscheppe vom Weingut Werlitsch in Leutschach produziert seit einigen Jahren Amphorenweine. Er füllt den Wein sogar in eigene Tonflaschen ab. „Im Ton reift der Wein natürlicher“, meint er. Bei den Konsumenten stoße er mit seinen Weinen „entweder auf großes Interesse und Begeisterung oder auf Ablehnung“, erzählt er. „Das ist sicher ein Wein, der polarisiert.“

Im Rahmen der Wiener Weinmesse VieVienum kommende Woche (29. bis 31. Mai in der Hofburg) werden die fünf Winzer ihre Philosophie einem breiteren Publikum präsentieren.

 

„Grenzen erfahren“

Dass Amphorenweine nicht nur etwas für Zeitgeist-abgewandte Idealisten sind, beweist der bekannte Wagramer Winzer Bernhard Ott. Er bedient die PR-Maschine genauso gekonnt wie einen Korkenzieher. Voriges Jahr begab sich der Grüne-Veltliner-Enthusiast auf die Suche nach der „Intimität der Natur“, wie er es nennt. Ott wollte „Grenzen erfahren“, und er tat dies in Georgien. Zwei Lastwagenladungen mit 13 Ton-Amphoren ließ er sich liefern. Er hob in seinem Weingut ein Loch aus und vergrub die Gefäße in aus seinen Weingärten herangekarrter Erde.

Mittlerweile liegt die erste Fass-, Pardon, Amphorenprobe vor. „Das Ergebnis ist sehr vielversprechend“, meint er. Die Maische hat Ott übrigens nicht selbst verarbeitet, sondern seinem Freund Hans Reisetbauer vermacht. Der bekannte Schnapsbrenner wird daraus bestimmt auch etwas nachhaltig Edles hervorzaubern.

Die Weinmesse VieVinum findet von 29. bis 31. Mai in der Wiener Hofburg statt. Am 30. Mai von 14 bis 16 Uhr präsentiert die Vereinigung „Schmecke das Leben“: „Von leichtem Welschriesling und Amphorenwein zu schwefelfreiem Ausbau und Erdfässern“. Anmeldung unter Tel. 03454/700 53.

AUF EINEN BLICK

Die Wiege des Weinbaus liegt in Georgien. Dort wurde bereits vor 6000 Jahren Wein gekeltert. Die Trauben wurden damals in großen Ton-Amphoren vergoren.

Einige heimische Topwinzer stellen Amphorenweine her. Bei der Weinmesse VieVienum (29. bis 31. Mai in der Hofburg) werden sie nächste Woche präsentiert.