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Ein Physiker, der uns die Welt der Quanten nähergebracht hat

++ ARCHIVBILD ++ KERNPHYSIKER HELMUT RAUCH IST TOT
ArchivbildAPA/HERBERT PFARRHOFER

Nachruf. Mit der Neutroneninterferometrie entwickelte er eine Methode, die den Welle-Teilchen-Dualismus messbar machte; er leitete jahrelang das Atominstitut; er war nicht nur vielen Physikern ein Lehrer: Helmut Rauch, ein großer österreichischer Forscher, ist im Alter von 80 Jahren gestorben.

„Quantum forever“: So hieß im Mai 2019 ein Symposion zum 80. Geburtstag von Helmut Rauch am Atominstitut: Von Markus Aspelmeyer bis Anton Zeilinger, von Markus Arndt bis Peter Zoller, die namhaftesten österreichischen Quantenphysiker, fast alle seine Schüler oder Enkelschüler, hielten Vorträge zu seinen Ehren. Es ging um Fortschritte seines Fachs, der experimentellen Quantenphysik, der Quantenoptik, insbesondere der Neutroneninterferometrie, also jener Methode, die Helmut Rauch gemeinsam mit Ulrich Bonse und Wolfgang Treimer Anfang der 1970er-Jahre entwickelt hat.

Hinter ihr steckt eine zentrale Erkenntnis der Quantenphysik, der Welle-Teilchen-Dualismus: Jedes Teilchen ist zugleich auch eine Welle – und kann damit an zwei Orten zugleich sein, zwei unterschiedliche Wege zugleich gehen. Bei populären Vorträgen zeigte Rauch gern die Karikatur vom Skifahrer, hinter dem sich seine Spur im Schnee rätselhafterweise um einen Baum herum in zwei Spuren teilt. Das passiert einem realen Skifahrer gewiss nicht, aber Rauch betonte immer wieder, dass es keine fixe, aus der Theorie heraus begründbare Grenze zwischen der Quantenwelt und der makroskopischen, „klassischen“ Welt gibt.

Neutronen als Wellen

Tatsächlich zeigen immer ausgefeiltere Experimente, nicht zuletzt an der Uni Wien, dass auch große Moleküle, vielleicht sogar Viren, die Eigenschaften von Wellen haben können. Rauchs bahnbrechende Experimente mit Neutronen, die sich als Wellen zeigen, die er aufspalten, manipulieren und wieder zusammenführen konnte, waren die Pionierarbeit dieses spannenden Gebiets, auf dem Physiker in Österreich noch immer führend sind. Sie mehrten auch den internationalen Ruhm des Wiener Atominstituts, dessen Vorstand Rauch von 1972 bis 2005 war.
Helmut Rauch, 1939 in Krems geboren, studierte Physik an der Technischen Universität Wien, promovierte 1965 am Atominstitut über „anisotropen β-Zerfall nach Absorption polarisierter Neutronen“, ab 1972 leitete er das Institut für experimentelle Kernphysik. Er war Gastforscher am Kernforschungszentrum Jülich und am Institut Laue-Langevin in Grenoble. Mehrmals wurde er als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt. Die österreichische Wissenschaftspolitik prägte er von 1991 bis 1994 als Präsident des Wissenschaftsfonds FWF. In breiterer Öffentlichkeit agierte er auch, wenn er – etwa 1998, anlässlich der Debatte über das slowakische Kernkraftwerk Mochovce – vor Hysterie beim Thema Atomkraft warnte.

Offen auch für Metaphysik

Wer je mit Rauch sprechen konnte, erinnert sich an das Feuer, das er ausstrahlte, wenn er die Herausforderungen und Horizonte seines Fachs schilderte. Und er kannte keine Berührungsängste, beantwortete selbst naive Fragen von Journalisten mit Engagement. Auch für Bemühungen der Kunst, sich der Quantentheorie zu nähern, war er offen: 2012 beriet er Peter Weibel und Renate Quehenberger bei ihrem Projekt „Quantenkino – eine digitale Vision“.

Wie viele große Physiker interessierte sich Rauch, katholischer Christ, in seinen späten Jahren für die philosophischen Implikationen der Physik, hielt sich auch hier kaum an Grenzen. 2017 veröffentlichte er gemeinsam mit der Schriftstellerin Lotte Ingrisch ein Buch namens „Der Quantengott“, in dem die beiden „einen Bogen von der Mystik bis zu den Naturwissenschaften“ schlagen wollten. Auch wer metaphysischen Abenteuern der Physik skeptisch gegenübersteht, konnte Rauchs in diesem Buch geäußerte Mahnung zur Offenheit und Bescheidenheit der Wissenschaft ernst nehmen: „So müssen wir auch davon ausgehen“, schrieb er, „dass wir unser Sein nicht wirklich verstehen können, aber die Naturwissenschaft bietet uns die Möglichkeit, zumindest einen Teil davon beschreiben zu können. Oftmals führen Anwendungen derartiger Beschreibungen zu dem Gefühl, Teile auch wirklich verstanden zu haben. Dieses Gefühl sollte uns jedoch nicht überheblich machen, und es soll uns bewusst bleiben, dass wir nur ein kleines Rädchen im Universum darstellen.“

Nach kurzer schwerer Krankheit ist Helmut Rauch am 2. September gestorben.

(APA)