Grönemeyer in Wien: Politisch korrekte Kuschelparty

Archivbild: Grönemeyer bei seinem Konzert in der Commerzbank-Arena in Frankfurt am Dienstag
Archivbild: Grönemeyer bei seinem Konzert in der Commerzbank-Arena in Frankfurt am Dienstagimago images / 3S PHOTOGRAPHY

Herbert Grönemeyer begeisterte zur Erregung bereite Fans in der ausverkauften Wiener Stadthalle mit politischem Predigtdienst und patscherten Liebesliedern.

Das Verlangen der Menge, außer sich zu geraten, war von Beginn an zu verspüren. Der mit dunkler Brillenfassung auf die Bühne hopsende Herbert Grönemeyer rief zunächst noch „Lauter!“. Er lockte und warnte: „Es wird ein leiwander Abend. Er kann nur an uns kaputtgehen. Es geht um Haltung, um Stellungnahme.“ Nach zwei Songs hatte er, der große Linkspopulist unter den deutschen Sängern, das gewünschte Level an Erregung. Vorauseilende Ekstase, gewissermaßen. Grönemeyer schwärmte zunächst von den Wonnen des Altweibersommers. Er eröffnete mit „Sekundenglück“ vom neuen Album „Tumult“, in dem es so drollig heißt: „Und du denkst, dein Herz schwappt dir über, fühlst dich vom Sentiment überschwemmt.“ Und so passierte es bald tatsächlich. „Ihr seid ja irre. Das ist so unfassbar schön. Ich bin so gern hier“, fiepste er in den gellenden Jubel.

Die innige Beziehung zwischen dem aus Südniedersachsen stammenden Grönemeyer und den hiesigen Fanscharen ist ein wenig rätselhaft. Die reflexartige Skepsis, die den Österreicher für gewöhnlich befällt, wenn ein nördlicher Nachbar seine Stimme erhebt, ist in seinem Fall wie weggeblasen. Was an der Intonation liegen mag. Die langen Passagen des Greinens und Quengelns, das Verschlucken von Silben, das Zermahlen der Konsonanten zu Stolperbeats – das alles hat nichts mit „Piefke“-Deutsch zu tun. Zu hören ist ein Gröni-Deutsch, eine Kunstsprache, die Gedanken kreisen lässt wie in einem Kinderkarussell. Sie ermöglicht eine Art gedankliches Topferlfliegen mit politisch korrekt empfundenen, linken Parolen. Da mochten die Gitarren noch so penetrant quietschen, die Saxofone noch so saccharinsüß seufzen, Grönemeyers Stimme kommunizierte unbeirrt Parolen wie „Keinen Millimeter nach rechts!“. Dieses Diktum war eingebaut ins Lied „Fall der Fälle“.

Nutzlose Gesten vor längst Bekehrten

Vom „Bodensatz, der niemals schläft“, von einem „Virus, der sich in die Gehirne fräst“ war hier die Rede. Holprige Bilder wie „Sie findet im Wider ihren Stand“ änderten nichts am hohen Ethos dieses Lieds, das konsequentes Handeln einforderte. Doch dieser Gestus war nutzlos, weil Grönemeyer ja vor längst Bekehrten predigte. Unter umgekehrten politischen Vorzeichen ereifern sich die Redner im Rieder Festzelt nicht anders. Bloß in puncto Ausdauer würden sie gegen Grönemeyer verlieren. Nicht weniger als 32 Lieder zerbiss er an diesem lauen Abend. Er schaffte es, die Menge in Dauererregung zu halten. Mit Klassikern wie „Alkohol“ und „Männer“, aber auch mit neuen Songs. Die an Element of Crime erinnernde Mollmelodie von „Der Held“ behagte auch Nicht-Fans. Bei „Bochum“ verlustierte sich Grönemeyer in Kirmessounds, bei seinem vielleicht schönsten Lied, „Mensch“, leider in Blödeleien. Richtig intim wurde es mit Liedern wie „Mein Lebensstrahlen“. Da stand plötzlich ein Piano. Grönemeyers herzige Würstelfinger spazierten auf dem Manual auf und ab, seine Stimme versuchte sich in nuanciertem Ausdruck. Liebesliedzeit. „Gib deine Überdosis Licht, verlieb, verschleudere mich, setz mich unter Zug“, sang er da, im Modus der Minne. Ein erratisches Zucken ging durchs Publikum. Zeit für Engtanz.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2019)