Offen wie selten: Tunesien wählt neuen Präsidenten

REUTERS

In Tunesien hat am Sonntag die erste Runde der Präsidentschaftswahl begonnen. Rund zwei dutzend Kandidaten bewerben sich nach dem Tod von Staatschef Béji Caïd Essebsi um den Einzug in den Präsidentenpalast in Tunis.

Rund sieben Millionen Tunesier sind an diesem Sonntag aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. 26 Kandidaten stehen für die Nachfolge des im Juli gestorbenen Staatschefs Beji Caid Essebsi zur Wahl. Es ist erst das zweite Mal nach dem sogenannten "Arabischen Frühling" von 2011, dass die Tunesier in freier Wahl ihr Staatsoberhaupt bestimmen können. Der Ausgang  gilt als völlig offen.

Neben Islamisten und Laizisten haben in der ersten Runde auch Populisten und Anhänger von Ex-Diktator Zine El Abidine Ben Ali gute Chancen. Die stärkste Partei im tunesischen Parlament, die moderat islamistische Ennahda, stellt mit dem kommissarischen Parlamentspräsidenten Abdelfattah Mourou erstmals einen eigenen Kandidaten. Er wird als Top-Favorit im selben Atemzug mit Regierungschef Youssef Chahed, Verteidigungsminister Abdelkarim Zbidi sowie dem umstrittenen Medienmogul Nabil Karoui genannt.

Karoui sitzt in Haft, darf aber trotzdem als Kandidat antreten. Gegen den 56-Jährigen, der nur wenige Wochen vor der Wahl verhaftet worden war, wird wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt. Karoui hatte sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als Wohltäter aufgebaut, indem er vor den Kameras seines Senders Nessma TV Elektrogeräte und andere Güter an Arme verteilte.

70.000 Sicherheitskräfte sollen die Wahl schützen. Rund 50.000 Sicherheitskräfte werden nach Angaben des Innenministeriums extra zu den Wahllokalen im ganzen Land entsandt, um dort die Sicherheit der Kandidaten, Wähler, Beobachter und Journalisten zu gewährleisten. Weitere rund 20.000 sollen die "üblichen" Aufgaben erfüllen. Auch mehr als 150 Anti-Terror-Einheiten sind demnach beteiligt.

In Tunesien hatte es 2015 und 2016 mehrere islamistische Anschläge gegeben, seitdem hat sich die Situation deutlich verbessert. Im Land gilt aber immer noch der Ausnahmezustand.

Land in der Krise

Tunesien nimmt für sich in Anspruch, als einziges Land des Arabischen Frühlings eine funktionierende Demokratie zu sein. Überschattet werden die demokratischen Errungenschaften jedoch von schweren wirtschaftlichen und sozialen Problemen und der allgegenwärtigen Freunderlwirtschaft. Die Arbeitslosenrate liegt bei 15 Prozent, die Lebenshaltungskosten stiegen um mehr als 30 Prozent seit 2016.

Die ursprünglich für November angesetzte Präsidentschaftswahl war nach dem Tod des 92-jährigen Präsidenten Essebsi Ende Juli auf den 15. September vorgezogen worden.  Eine Rekordzahl von sieben der 8,9 Millionen Tunesier im Wahlalter hat sich registrieren lassen. Die Präsidentschaftswahl findet vor der Parlamentswahl am 6. Oktober statt. Das Datum der Stichwahl steht noch nicht fest. Vorläufige Ergebnisse der ersten Runde sollen von der Wahlkommission am 17. September bekannt gegeben werden.